Zum erstenmal im Bundestag wurden Kanzler Erhards Politik und Amtsführung von der Opposition kritisch analysiert. CDU-Sprecher Rainer Barzel nach der Rede des Oppositionsführers Fritz Erler: "Wir freuen uns, daß wir wieder eine politische Debatte haben!" Die folgende Gegenüberstellung von Zitaten zeigt, wie der Kanzler auf die Kritik reagierte:

Erler: Im wesentlichen ist es bei dem Stillstand in wichtigen politischen Fragen geblieben. Den Worten sind kaum Taten gefolgt.

Erhard: Seit 1952 bemühen sich die erlauchtesten Geister in Europa, über Widrigkeiten und Hemmungen hinwegzufinden. Wenn mir das bei vier Besuchen in den europäischen Hauptstädten auch noch nicht gelungen ist, so wird mir das von Ihnen als ein Versagen angerechnet. Das ist doch dumm. (Beifall in der Mitte.) Das käme mir genauso vor – aber ich bin nicht so dämlich, es zu tun –, als wenn ich gesagt hätte: Der Regierende Bürgermeister hat soundsoviel afrikanische Länder besucht, und nachdem er von der Reise kam, sind dort Aufstände ausgebrochen. Ist er etwa dafür verantwortlich? (Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Schäfer (SPD): Ein solcher Vergleich ist dumm und ungehörig!)

Erler: Sie müssen sich nun einmal daran gewöhnen, daß es sich die Opposition herausnimmt, die Regierung zu kritisieren, wenn sie nach der Meinung der Opposition Fehler begeht. Diese unsere Funktion werden wir uns auch durch herablassende Bemerkungen nicht streitig machen lassen.

Erhard: Ich sehe aus dieser Diskussion, daß eine ganz bewußte Methode angewandt wird, nämlich das Ansehen des Bundeskanzlers in der Öffentlichkeit herabzusetzen. (Beifall bei den Regierungsparteien – Zurufe von der SPD: Hannover!) Das wird Ihnen beim besten Willen nicht gelingen. Ich habe es nicht nötig, mich mit Agitation zu beschäftigen; denn jedermann weiß, wer ich bin. (O-Rufe von der SPD.) Das paßt Ihnen nicht, aber es ist so.

Erler: Führung besteht nicht in Monologen am Fernsehen. Sie besteht darin, die eigene Einsicht gegen Widerstand Auge in Auge auch gegenüber dem Andersdenkenden in den eigenen Reihen durchzusetzen.

Erhard: Ich habe kein Bedürfnis, aus Propagandagründen an den Fernsehschirm zu gehen, sondern nur dann, wenn es mir die Zeichen der Zeit erforderlich erscheinen lassen.