R. B., Berlin, im April

Zwei junge Kommunisten aus Ostberlin waren ausgezogen, um die Justiz in der Bundesrepublik zu testen. Sie gehörten zum Führungskreis der kommunistischen FDJ, waren Mitglieder des Festkomitees des "Deutschlandtreffens der Jugend", das zu Pfingsten in Ostberlin veranstaltet werden soll, und wußten genau, daß ihre Organisation in der Bundesrepublik verboten ist. Aber sie wollten erkunden, wo die Grenze verläuft zwischen "Verboten!" und "Erlaubt!" Außerdem versprach die ganze Sache, für die kommunistische Propaganda einiges abzuwerfen.

Nach ihrer Reise stellten sich die beiden in Ostberlin einer internationalen Pressekonferenz: Gerhard Mendl, Präsident des Komitees für Touristik und Wandern, und Werner Micke, Redakteur seines Zeichens. Sie berichteten im Detail, von ihren Erlebnissen und Begegnungen, wobei (ist dies überraschend oder nicht?) die Polizei die Hauptrolle spielt.

Ihr amtlicher Reiseauftrag lautete, dem geschäftsführenden Vorstand des Bundesjugendringes eine Einladung zu überbringen, damit möglichst viele Jugendliche aus Westdeutschland zum Deutschlandtreffen kämen. Denn sie hatten von dem westlichen Plan gehört, möglichst viele Jugendliche aus der Bundesrepublik nach Ostberlin zu schicken, und auch davon, daß der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Erich Mende, den Gedanken gutgeheißen hatte.

Schon in Helmstedt fand die erste Begegnung mit der Polizei statt. Die jungen Kommunisten, angeblich schon deshalb verdächtig, weil sie ausreisen durften, gerieten in ein Verhör. Sie waren zuvor instruiert worden, freimütig alle Karten auf den Tisch zu legen: "Ja, wir wollen in die Bundesrepublik. Ja, dort und dorthin. Ja, wir wollten dem Bundesjugendring einen Brief überbringen."

"Was für einen Brief?"

Der Brief, so erklärten die beiden, gehöre nicht ihnen, sondern dem Adressaten. Die Polizisten verfügten eine Leibesvisitation und förderten den Brief zutage. Die Polizisten wollten ihn haben, die Jungen weigerten sich, ihn herauszugeben. Die Hüter des Gesetzes beschlagnahmten ihn und überreichten, den Besitzern, eine Sicherstellungsbescheinigung. Das so umkämpfte Dokument war voll von propagandistischen Redensarten, aber es schien nicht geeignet, die Bundesrepublik in irgendwelche Gefahr zu bringen. Die FDJ-Abgesandten konnten ihre Fahrt fortsetzen.