Kurz vor Beginn der Ministertagung der Mitgliedsländer des GATT über die Kennedy-Runde trägt man in Bonn wieder einmal Optimismus zur Schau, besonders im Bundeswirtschaftsministerium. Nicht der Optimismus selbst, sondern wie man ihn begründet, läßt erkennen, daß man sich innerhalb der Bundesregierung offenbar noch ziemlich weit abseits von jener Klarheit befindet, die beim Eintritt in schwerwiegende Verhandlungen vonnöten ist.

Die Freude darüber, daß während des letzten Jahres in einigen GATT-Ausschüssen Einigkeit über manche bedeutsame Frage erzielt wurde, darf den Blick für das nicht verschleiern, was die Kennedy-Runde politisch und handelspolitisch vor allem für die USA erreichen soll. Viele Menschen in den USA wissen zwar überhaupt nicht, was die EWG eigentlich ist; und auch Minister Schmücker hat zu spüren bekommen, wie weit ab von Europa Washington liegt, von anderen Regionen der Vereinigten Staaten ganz zu schweigen. Trotzdem sind sich diejenigen, auf die es in den USA ankommt, darüber klar, daß mit der EWG ein Markt aufgebaut wird, dessen Schutz nach außen nicht ins amerikanische Konzept paßt.

Mit Hilfe der Kennedy-Runde wollen die USA Bedingungen aushandeln, die es gestatten, auch künftig wenigstens im bisherigen Umfang Waren in das Gebiet dieses Gemeinsamen Marktes zu liefern, und zwar sowohl gewerbliche Erzeugnisse wie Agrarprodukte. Daß die Delegation der Vereinigten Staaten während der kommenden Verhandlungen jedes Mittel benutzen wird, um dieses Ziel zu erreichen und ihr dabei zustatten kommen dürfte, daß andere GATT-Mitglieder das handelspolitische Gebaren der EWG mißtrauisch beäugen, ist keine beneidenswerte Ausgangsposition für die Bundesrepublik.

Keines der anderen Länder muß sich nämlich den USA gegenüber so nach der Decke strecken wie wir. Diese Tatsache ist überall bekannt. Deshalb kann es – wenn man von Bonn aus mit Illusionen die Verhandlungen beginnt – leicht dazu kommen, daß wir in Genf wenigstens zwischen zwei Stühlen sitzen; und das gilt nicht nur für den Getreidepreis, der wahrscheinlich erst später eine Rolle spielen wird. In Genf dürfte jedenfalls die häufig gehörte Behauptung, wir hätten ja gar nicht zwischen den USA und Frankreich zu wählen, einer harten Probe unterzogen werden. Der Bundesregierung kann man nur wünschen, diese Probe werde zu ihren Gunsten verlaufen j. e.