Eine beste Shakespeare-Ausgabe kann es nicht geben

Von Ernst Stein

Um den Felsen Shakespeare brandet die deutsche Kultur seit zwei Jahrhunderten, seit sie sich ihrer selbst bewußt wurde, und in dem Licht, das von ihm ausging, begann sie sich zum ersten Male zu erkennen. In seinem Zeichen stand die Absage der geistigen Elite um Lessing an die Aufklärung – jene ruckweise Losreißung aus dem Schoß der Vernunft, durch die der deutschen Dichtung erst der Weg zu ihrer widerspruchsvollen Größe freigelegt wurde.

Dennoch hat Shakespeare unsere Literatur, als Ganzes, niemals beeinflußt, wie etwa die Antike; er hatte keine Epigonen. Sturm und Drang, der junge Schiller, Kleist und Büchner waren die Stromschnellen, an denen die Strömung vorbeiführte. Wohin? Es zeigt sich an Schiller von den "Räubern" bis zum "Don Carlos": Er wäre der deutsche Shakespeare geworden, hätte sich nicht der deutsche Idealismus dazugeschlagen, der Sieg der Weltanschauung über die Weltbetrachtung.

Man kann jede Weltanschauung in Shakespeare hineinlesen, denn er hat nur Betrachtungen, die ganz seinen Gestalten gehören. Trotzdem wurde man bei uns nie müde, eine Philosophie in Theaterstücken zu suchen, bei deren erhabensten Stellen, den Tiefen menschlicher Erkenntnis entstiegen, dem Dichter – so unfaßbar es erscheint – nichts vorschwebte als die Publikumswirkung.

Der größte Gestaltenschöpfer aller Zeiten verschwindet bis zur Unkenntlichkeit hinter seinen Gestalten, aber vom Anbeginn der zweihundert Jahre Shakespeare in Deutschland schufen sich die Deutschen einen Abguß der Persönlichkeit, ein Shakespeare-Bild, eins nach dem andern: das Naturgenie, das seine Entdecker gegen die französische Konvention ausspielten; der Volksdichter, als den Herder ihn auffaßte; der Shakespeare der Romantischen Schule, der keineswegs ein "romantischer" Shakespeare war; ein späteres Zeitalter sah in ihm den patriotischen Rhapsoden Englands unter den Tudors, ein Gegenstück zu Wildenbruch unter den Hohenzollern; es gab, mit Gundolfs großartig danebengreifendem Schwung geformt, einen Shakespeare, der die Mitte zwischen Nietzsche und George hielt; es fehlte auch nicht Shakespeare als entfesselter Theatermann, eine Falschmünzung der zwanziger Jahre.

Der deutsche Geist bemächtigte sich Shakespeares mit einer Inbrunst und einer Gründlichkeit, vor denen sich die Frage aufdrängt: Warum gerade er? Noch heute ist er der meistgespielte Dramatiker; sein Werk liegt in einem Dutzend Ausgaben vor, und weiter erscheinen neue; seine Worte (allerdings als Zitate aus der "romantischen" Übersetzung) sind noch immer geflügelt. Wie wurde und wie blieb er ein deutscher Klassiker – unveraltet?