Zum erstenmal wird am kommenden Sonntag der Bundeskanzler die Messe in Hannover eröffnen. Bisher war es immer der Wirtschaftsminister, der damals allerdings auch Ludwig Erhard hieß. Vor ihm wird Fritz Berg, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, sprechen. Schon das läßt auf einen eher temperamentvollen als feierlichen Ludwig Erhard hoffen; auf einen Wirtschaftspolitiker, der sich in vielen Jahren darin geübt hat, gerade dieses Forum in Hannover zu einem Hilfsmittel seiner Konjunkturpolitik zu machen.

Dieser Zeitpunkt mitten im Frühjahr läßt die Tendenzen des Jahres schon einigermaßen erkennen. Auch die Zusammensetzung der hannoverschen Ausstellerschaft (mit starker Betonung des Maschinenbaues, der Elektro-, Eisen- und Stahlindustrie und der Chemie) fordert den Wirtschaftspolitiker dazu heraus, die Stimmung ein wenig zu beeinflussen. So strahlten Erhards Auftritte in Hannover entweder viel Optimismus aus oder er versuchte zu warnen und zu dämpfen.

Diesmal werden die Warnungen des Kanzlers vor neuen Überhitzungen sicher nicht ausbleiben. Es ist unverkennbar, daß die 5817 Aussteller (davon 1368 aus dem Ausland) die anstrengenden zehn Messetage größtenteils mit Optimismus beginnen, ganz im Gegensatz zum Vorjahr, als sich viele von Hannover vergebens eine Belebung und einen Stimmungsumschwung erhofften.

Der Maschinenbau, mit 1755 (davon 449 ausländischen) Firmen die stärkste Ausstellergruppe, berichtet von einer unverkennbaren Wiederbelebung des längere Zeit stagnierenden Investitionsgütergeschäfts. Um 15 bis 30 Prozent liegen seit Herbst die Bestellungen über den Auftragseingängen der Vorjahresmonate. Wenn in einigen Konjunkturübersichten in diesen Wochen davon die Rede ist, daß die Preise der Investitionsgüter "auf breiter Basis" anzuziehen scheinen, so wird die Messe zeigen, ob Sorgen berechtigt sind. Bislang hielt sich das Durchschnittspreisniveau im Maschinenbau verhältnismäßig stabil mit 114 Punkten im Januar 1964 gegenüber 112,8 im Januar 1963 und 100 im Jahre 1958.

In der Elektroindustrie – die zweitstärkste Gruppe in Hannover mit 1328 (davon 289 ausländischen) Firmen ist der Index der Herstellerpreise 1963 sogar leicht abgesunken – von 101 im Jahre 1962 auf 100,4. Auch hier verspürten die Unternehmen bis zum Herbst eine gewisse Flaute. Seither bessern sich die Auftragseingänge, und zwar nicht nur aus dem Ausland.

Wie sehr sich die Situation im Vergleich zur Messe 1963 gewandelt hat, läßt sich auch am Optimismus der Hersteller von Rundfunk- und Fernsehgeräten ablesen. Vor einem Jahr kam es auf der Messe zu teilweise dramatischen Preisdiskussionen, vor allem weil hohe Lagerbestinde viele Unternehmen bedrückten. Heute blickt die Branche auf ein ungewöhnlich gutes Frühjahresgeschäft zurück und berichtet von einem Absinken der Lagerbestände unter eine Monatsproduktion.

Es wäre schade, wenn die auf der Messe mit aller Wahrscheinlichkeit zutagetretende Konjunkturbelebung auch die Investitionsneigung der hannoverschen Messeleitung erfaßte. Wie wohltuend, daß zum erstenmal die Hallenfläche nicht erweitert worden ist. Mit einem Ausstellungsraum von 600 000 Quadratmeter hat die Messe einen Umfang angenommen, den niemand mehr vollständig zu überblicken vermag, auch nicht in zehn Tagen. Es sind Kräfte wirksam, die Dauer der Messe zu verkürzen. Im nächsten Jahr soll die Hannover-Messe probeweise am Samstag eröffnet und am übernäschten Sonntag beendet werden, so daß der Montag und Dienstag als bisher letzte Messetage fortfallen.