Mit einem Kniff war es dem NDR vor Jahren gelungen, Anton Tschechow zu degradieren. In einem Fernsehspiel nach der Kriminalgeschichte "Das schwedische Streichholz" war die Handlung aus der russischen Provinz nach Südfrankreich verlegt worden, und schon war alles verstimmt und verzerrt, das Milieu, die Menschen, die Motive ihrer Handlung.

Aber dennoch: das war harmlos im Vergleich zu dem, was sich das Zweite Fernsehen am Sonntag mit Tschechows Erzählung "Der Roman mit dem Kontrabaß" leistete. Von Hans Poser war die Geschichte veropert worden, als handelte es sich um die durchschnittliche (und gefügige) Gebrauchsware eines Librettisten, nicht um meisterhafte Prosa von groteskem Humor ("... welche inneren Maße, kraft des Genies, das Kurze und Knappe gewinnen, in welcher – vielleicht über alles zu bewundernden – Gedrängtheit es die ganze Fülle des Lebens in sich aufnehmen kann", so hat Thomas Mann Tschechows Kurzgeschichten charakterisiert). Nicht allein, daß der Stil der Oper sich gegen den Stil Tschechows richtete: der Librettist, Spiess heißt er, hatte die Erzählung radikal verändert. Er hatte ihr den Sinn ausgetrieben.

In Tschechows Groteske steigt ein Kontrabassist, auf dem Wege zum Grafen Bibulow (um zur Verlobung der gräflichen Tochter aufzuspielen), in einen Fluß und entdeckt beim Baden am Ufer ein wunderschönes Mädchen (Bibulows Tochter). Obwohl er Misanthrop aus verfehlter Ehe ist, verliebt er sich flugs in die zauberhafte Erscheinung. Währenddessen werden seine Kleider gestohlen, er findet nur den Kontrabaß und seinen Zylinder wieder. Auch das Mädchen steigt, splitternackt, ins kühlende Wasser, auch ihm werden die Kleider gestohlen. Unter einer kleinen Brücke treffen sich die Entblößten und warten, verlegen und schamvoll, auf den Schutz der sinkenden Nacht. Der Musiker bietet der Schönen den Kasten des Kontrabasses als schützende Hülle an, er macht sich, mit ihr auf dem Rücken, auf den Weg. Abenteuer folgen. Zum Schluß berichtet Tschechow, die Bauern aus der Umgebung erzählten noch jetzt, daß bei der Brücke nachts ein nackter Mann zu sehen sei, mit üppig gewachsenem Haar und einem Zylinder...

Bei Spiess ist alles verhunzt. Es beginnt entscheidend damit, daß bei ihm Smytschkow (so heißt der Musiker) überhaupt nicht ins Wasser steigt und ihm also auch die Kleider nicht gestohlen werden. Wie dann die Tschechowschen Pointen gesetztwerden? Siewerden nicht gesetzt. Smytschkow, welcher, der russischen Erzählung völlig zuwider, auf dem Bildschirm Ähnlichkeit mit einem Faun hatte, betätigte sich, in füll dress, als peinlicher Voyeur: Mit spießig aufgeschwemmter Lüsternheit glotzte er durch ein Gebüsch, als das Mädchen sich entkleidete.

Bei Tschechow gibt es keine undelikate Schwüle. Man könnte meinen, Gefahr liege in der Optik: Was der Erzähler der Phantasie anheimstellt, dürfe nicht schonungslos ins Bild gesetzt werden. Aber das ist ein Irrtum. Es gibt einen kurzen französischen Spielfilm ("La Contrebasse"), in dem der Sinn Tschechows bewahrt und alles vom verderblichen Opernstil ferngehalten wurde: mit Grazie. R. D.