J.L.H.Keep: "The Rise of Social Democracy in Russia", Clarendon Press, Oxford, 1963, 334 S.

Eine rapide Industrialisierung, eine den Traditionen entfremdete Intellektuellenschicht sowie ein politisches Regiment, das weder die modernen Tendenzen konsequent unterdrücken noch sich ihrer geschickt zu bedienen vermochte, kennzeichnen das Milieu Rußlands, als nach dem desillusionierenden Mißlingen des Terrorismus sich in dem Jahrzehnt zwischen 1880 und 1890 die Sozialdemokratische Partei konstituierte.

In dem vorliegenden Werk, dem zum Teil eine Dissertation des Autors zugrunde liegt, unternimmt es Keep, den Prozeß der russischen Marx-Rezeption im Zusammenhang mit der politischen Organisation der RSDRP zu analysieren. Er schildert die Entwicklung von den ersten marxistischen Emigranten- und Studentenzirkeln bis zu den revolutionären Ereignissen von 1905/1907. Insofern behandelt Keep die Vorgeschichte des russischen Marxismus, und nicht – wie dies bisher meistens der Fall war – nur die Biographien seiner bedeutenden Repräsentanten oder eine ideologische Entwicklung.

An Hand eines umfangreichen Materials – sowohl aus sowjetischen als auch aus westlichen Archiven – stellt der englische Autor den politischen Untergrund Rußlands dar, dessen Parallelen zu den heutigen Entwicklungsländern er gut herausarbeitet, ohne sie deshalb zu überspannen-Noch bedeutsamer scheint mir, daß es auf Grund der konsultierten Quellen dem Autor gelingt, jene in den offiziellen Parteihistorien oft zu prinzipiellen Gegensätzen stilisierten ideologischen Fehden zu relativieren. Er zeigt, daß auch Lenin – ebenso wie Plechanow und Trotzkij – mehrfache Wandlungen durchgemacht und mit jenen Thesen und Programmen operiert hat, die er später als "revisionistisch" und "ökonomistisch" verdammen sollte. Allerdings läßt der Autor keinen Zweifel, daß es erst Lenin war, der die bis dahin lose zusammenhängenden marxistischen Propagandazellen und Debattierklubs zu einer aktiv revolutionären Partei zusammenfaßte.

Symbolisch für diesen Umschwung mag das erste Erscheinen des von Lenin redigierten Zentralorgans "Iskra" im Dezember 1900 sein, deren Devise Puschkins Wort über die Dezembristen war: "Aus dem Funken wird eine Flamme wachsen".

Keep meint nicht zu Unrecht, daß sich gewisse organisatorische und ideologische Eigentümlichkeiten aus den Anfangszeiten – damals bedingt durch die zaristischen Verfolgungen, den überwiegenden Analphabetismus, die Minorität der Arbeiter gegenüber den Bauern. – später versteinerten und – unabhängig von den inzwischen eingetretenen Wandlungen – eine Eigengesetzlichkeit entwickelten, die mit der "Entstalinisierung" noch längst nicht liquidiert worden sind. Keep betont, daß selbst sehr "westlich" eingestellte Führer wie Plechanow über dem ökonomischen Determinismus einerseits, dem revolutionären Voluntarismus andrerseits die Augen vor den politischen Problemen nach einer gelungenen Revolution schlossen. Auf diese Weise wurden jene freiheitlichen Traditionen – von Bakunin bis Rosa Luxemburg verdrängt. G.-K. K.