München

Wenn mein Onkel in Znaim Ochsen verkaufte, dann hat er auch nicht schon vorher gesagt, wie weit er den Angeboten entgegenkommen werde. Der Außenminister Schröder tut aber genau das, wenn er eine Politik treibt, wie er sie in seiner Münchner Rede aufzeigte.“ Das sagt Dr. Hans Neuwirth, der Autor des „Bayern-Kurier“-Artikels, der so große Unruhe stiftete. Nun, die Wogen haben sich etwas geglättet. Aber es lohnt sich doch, den Mann zu betrachten, der Außenminister anrempelte; den Mann auch, der, als er das erste Echo auf seinen Artikel vernahm, auf die CSU-Landesleitung fuhr und erklärte: „Ich bringe euch meinen Kopf, wo ist das Schafott?“

Dr. Hans Neuwirth wohnt in München in der Thierschstraße 11. Er ist als Vorsitzender der Union der Ausgewiesenen in Bayern automatisch Vorstandsmitglied bei der CSU. Ein Heimatvertriebener des Typs, der sich mit der Feststellung einzuführen pflegt, man sei ja schließlich auch nicht auf der Suppe dahergeschwommen. Neuwirth, am 16. Mai 1901 in Jaslowitz (Landkreis Znaim) geboren („Mein Vater war damals dort Bürgerschullehrer.“), gehört einer alten katholischen Familie an, aus der auch der bekannte Redemptorist Klemens Maria Hoffbauer stammt. Dann kam das Gymnasium in Nikolsburg, später Studium der Jurisprudenz in Kiel, Wien und schließlich die Promotion in Prag. Doch der Jurist Neuwirth wird schließlich Journalist, in der Juli-Krise des Jahres 1934 ist er Korrespondent des Hauses Scherl in Wien.

Neuwirth geht 1935 als Abgeordneter der Sudetendeutschen Partei Henleins ins Prager Parlament. Ein paar Jahre später erscheint Hitler in Prag. Kurz vorher wird Neuwirth zum erstenmal eingesperrt. Nach der Entlassung setzt es bald die erste SD-Verwarnung wegen „reichsfeindlichen Verhaltens“. („Die Brüder hatten auf der Prager Burg Urkunden gefunden und da wußten sie, was für einer ich bin.“) Er muß jedenfalls Prag verlassen und lebt dann in der Nähe von Karlsbad.

Weihnachten 1945 findet sich Neuwirth zusammen mit 4000 anderen prominenten Deutschen des Landes im Prager Pankraz-Zentralgefängnis wieder. „Wir wurden der Reihe nach abgeurteilt, es gab bis zu lebenslänglich. Ich bekam 25 Jahre Zuchthaus. Von 1946 an arbeitete ich zunächst in den Skoda-Werken, dann in einem Stahlwerk, dann noch sechseinhalb Jahre in Uranbergwerken.“

Wie er denn herausgekommen sei? Das habe er Adenauer zu verdanken. „Der fuhr 1956 nach Moskau und seiner konsequenten Politik gelang es, daß die eingesperrten Deutschen, nicht nur die Kriegsgefangenen, nach Hause durften.“ In diesem Schicksal und in diesem Weg liegen die Ausgangspunkte von Neuwirths Vorstellungen einer deutschen Außenpolitik. „Ich bin doch kein Illusionist, aber ich weiß, was Kommunismus ist und wie man mit ihm umzugehen hat.“

Neuwirth ist auch heute noch ehrlich davon überzeugt, daß der Wirbel um seinen Artikel nicht vorauszusehen war. Ein Beweis zumindest dafür, daß er die Dschungelpfade deutscher und vor allem bayerischer Politik nicht kennt. Er habe sich einfach das Recht herausgenommen, seine Meinung zu sagen. „Der Strauß hat davon wirklich nichts gewußt. Und jetzt bin ich in die große Politik geraten wie der Pontius ins Credo.“ Er nimmt das alles nicht tragisch. Nur in einem Punkt wird er bitter: er habe nicht den Protestanten Schröder angegriffen, sondern nur eine Politik die seiner Ansicht nach falsch ist.