Von Martin Wieland

London, im April

Seitdem im Jahre 1911 die parlamentarischen Fünf-Jahres-Perioden eingeführt wurden, hat noch keine Regierung wirklich bis zum allerletzten Augenblick mit der Auflösung des Parlaments gewartet. In dieser einen Beziehung hat sich also die Regierung des Traditionalisten Sir Alte Douglas-Home ganz untraditionell benommen.

Nicht etwa, daß die Verschiebung der Wahlen auf den Herbst dem Geschmack des Premiers entsprochen hätte. Eine Regierung wird immer ohnmächtiger, je näher ihr Ende rückt. In diesem Jahr kam noch hinzu, daß im Herbst auch de amerikanischen Präsidentschaftswahlen stattfinden werden. Eine Regierung, welche die weltpolitische Rolle Großbritanniens, welche Londons stabilisierenden Einfluß nicht gerade unterschätzt, kann sich nur ungern dem Vorwurf aussetzen, daß die gleichzeitige Anberaumung britischer Wahlen die Stabilität des Westens zusätzlich – und unnötig – erschüttern muß. Der Vorwurf wurde von Labourseite auch prompt erhoben. Aber unnötig war die Verschiebung eben nicht.

Bis Ostern war Sir Alec noch überzeugt, er könne Juni-Wahlen riskieren; er verließ sich auf die Wirkung seiner persönlichen Agitation im ganzen Land. Aber die Ziffern der Meinungsbefragungen sprachen eine andere Sprache. Der Labour-Vorsprung von sieben bis acht Prozent ist seit langem konstant. Sir Alecs Auftreten in der Provinz hat nichts daran geändert. Als er die Entscheidung über den Wahltermin nicht mehr aufschieben konnte, da war sein Selbstvertrauen nicht nur so angeschlagen, daß er auf Juni-Wahlen verzichtete – er verzichtete sogar auf eilte unabhängige Entscheidung.

Alle Premierminister bestimmten bisher das Wahldatum ganz allein. Douglas-Home ist der erste, der Parteimitglieder en masse befragen ließ, was sie eigentlich wünschten. Über die Ovation, welche ihm das maßgebende konservative 1922-Komitee darbrachte, nachdem die Verschiebung der Wahlen bekanntgegeben worden war, sagte der Oppositionsführer Harold Wilson, da habe „eine demoralisierte Armee ohne jede Verstellung aufgeatmet, weil sie sich unter dem Oberbefehl eines Generals befand, der eine einzige Fähigkeit bewiesen hatte – die davonzulaufen’.

Aber sehr wahrscheinlich hätte sich Harold Wilson in Sir Alecs Lage nicht anders benommen. Die Konservativen mögen im Herbst so gut wie sicher einer Hinrichtung entgegengehen – dies aber ist kein Grund zum Selbstmord im Juni. Bis zum Oktober können irgendwelche Wunder geschehen. Stimmt es nicht, daß die Labour-Partei im Oktober 1949 in den „Opinion Polls“ um neun Prozent hinter den Tories lag, so daß Attlee die Wahlen bis zum Februar aufschob? Und im Februar 1950 gewannen die Sozialisten mit einer Mehrheit von sechs Sitzen?