Der Zug zur Sonne und zum Süden ist das unverkennbare Merkmal unserer Reisezeit. Die wenigen stillen Plätze am Wasser muß man allmählich mit der Lupe suchen, seit geschulte Reisefachleute fast die ganze Küste für ihre Auftraggeber erobert haben.

Aber immer noch hat sich eine der am frühesten entdeckten Gegenden südlich der Alpen, die italienische Riviera im letzten Abschnitt der „Riviera di Levante“ an der Küste der Provinz La Spezia, noch Ruhe und Erholsamkeit bewahrt. Fast scheint es, als wollten die kleinen Küstenorte nicht am Segen des Tourismus teilnehmen, doch die Vernachlässigung durch die Fremden hat eine technische Ursache: Die Via Aurelia, einst römische Konsularstraße, jetzt doppelseitiges Ventil für Genuas permanenten Verkehrsdruck, gibt kurz hinter Sestri Levante ihre Duzfreundschaft mit dem Meer auf und umgeht, Abstand haltend, die Küstenberge. Nur bei La Spezia kommt die Straße für einen schüchternen Kuß an die Küste, um sich gleich wieder zu empfehlen.

Von der Via Aurelia führt eine Nebenstraße nach Levanto Obwohl dieser in Felsvorsprünge eingebettete Badeort viele Freunde hat, wird es am Strand nie zu voll, denn die Unterkunftsmöglichkeit ist beschränkt. Bunte Sonnenschirme ragen lustig aus dem weißen Streifen Land zwischen dem bewegten Meer und den pastellfarbigen Häusern. Eine neue Attraktion am Strand und beruhigende Sportstätte für jene, denen die, Unendlichkeit des Meeres Atembeschwerden verursacht, ist das Schwimmbecken hinter der Sonnenschirmkette. Eine Einrichtung, die überall Schule macht. Nur die rauhen Zisalpinien lassen sich noch gern von der Brandung umspülen.

Für die Kulisse der bunten Strandbühne ist großartig, gesorgt: Drei beachtliche Bergmassive – Rossola, Ve und Bardellone – machen ans Levanto ein riesiges Amphitheater. Überdies halten sie die rauhen Winde fern. Es ist nicht teuer hier; zwischen zehn und zwanzig Mark bieten saubere Hotels und Pensionen Vollpension bei ausgezeichneter Genueser Küche an. Die im 13. bis 15. Jahrhundert entstandenen Kirchen bergen reiche Kunstschätze, die niemand hier vermutet. Das Kasino und die Hotels geben sich modern und komfortabel, doch nicht mondän. Der Betrieb ist gekämpft und unaufdringlich, sofern nicht gerade Mankttag ist.

Im Südosten, wo der schwarze Schlund des Felsens die Eisenbahnzüge verschluckt, beginnt hinter einem hohen Felsvorsprung die Einsamkeit der „Cinque Terre“. Nur Bummelzüge und ein paar kleine Boote verbinden diese einzigartig gelegenen fünf Orte mit der Welt, aber sie wurden in den letzten Jahren sehr oft genannt und italienische Preisausschreiben versuchen sie populär zu machen: Auch sie wollen teilhaben am großen Reisegeschäft. Da die Autofahrer keinen Zugang haben, bleibt es hier jedoch vorläufig verhältnismäßig still.

Nachdem wir eine Woche in Levanto mit dem üblichen Faulenzen verbracht, alle Trattorien besucht und Weine der Umgebung probiert hatten, charterten wir ein Boot, das uns hinter das Geheimnis bringen sollte, das hinter der nächsten Felsmasse lag. Der kleine Motor tuckerte uns in kurzer Zeit in eine kleine Bucht.

In Monterosso knirschte unser Kiel auf einen fast menschenleeren Strand, über dem die Häuser des klemen Ortes am Fels aufstiegen. Ein paar Liegestühle, Sonnenschirme, Boote und sogar zwei Bikinis – das war alles, was den geruhsamen Badebetrieb andeutete. Unser Seemann bekam hier eine Ladung Weintrauben nach Levanto – verständlich, daß er unsere unruhige Gesellschaft nicht weiter an dieser Küste entlangschaukeln wollte. Ein schwerer voller Wein reift hier auf dem felsigen Untergrund heran – schwerer als im Rheinland haben es die Bauern, die Felder und Terrassen an den steilen Hängen zu erhalten und die Reben zu pflegen.