H. W., Kiel

Einige Richter des Kieler Landgerichts werden in den nächsten Wochen eine Kunstreise machen: Sie wollen in Kiel, Flensburg und anderen Orten Schleswig-Holsteins Kirchenfenster besichtigen. Diese Kunstreise haben die Richter dem Maler Ernst-Günter Hansing zu verdanken, der einen Prozeß gegen den Kieler Evangelisch-lutherischen Kirchenverband angestrengt hat. Der Künstler – er ist jüngst durch mehrere Adenauer-Porträts bekannt geworden – wirft dem Kirchenverband vor, er habe gegen das Urheberrecht verstoßen.

Begonnen hat die Geschichte im Jahre 1960. Zu dieser Zeit beschloß ein Kieler Verleger, der Nicolai-Kirche in der Landeshauptstadt zwei Glasfenster zu stiften. Da er ein Freund der modernen sakralen Kunst war, gab er Ernst-Günter Hansing, der schon eine ganze Reihe solcher Fenster geschaffen hatte, den Auftrag. Hansing benutzte für seine Kompositionen das in der Bundesrepublik bis dahin ziemlich unbekannte Belglas, das aus Belgien stammt und eine besonders intensive Leuchtkraft besitzt. Die beiden Glasfeister wurden im Altarraum zu beiden Seiten des Kruzifix eingebaut.

Am 4. Februar 1961 schrieb der Kieler Probst Sontag an den Stifter: „Nachdem nun die beiden von Ihnen für unsere Nicolai-Kirche gestifteten Glasfenster eingesetzt; worden sind, zeigt sich, daß die Fenster mit ihrer, warmen Leuchtkraft von schöner Wirkung sind und das tun, Was beabsichtigt worden ist, nämlich dem Mittelpunkt der Ostwand des Kirchenraumes, dem Kruzifixus, die würdige Einfassung geben... Möchten die Glasfenster den Gottesdienstbesuchern zur Besinnung und den kunstinteressierten Betrachtern des Kirchenraumes zur Freude dienen. Das wird auch für Sie, der Sie die Stiftung ‚soli deo gloria‘ vollzogen haben, die größte Befriedigung sein.“

Dieses Schreiben, wurde allerdings, am ersten Verhandlungstag vor der Zivilkammer von dem Vertreter der Kirchengemeinde als „reine Höflichkeit“ bezeichnet. Die Gemeinde habe ihre Unzufriedenheit mit der Arbeit des Künstlers dadurch zum Ausdruck gebracht, daß sie Hansing kein Dankschreiben geschickt habe...

Zwei Jahre lang blieben die Fenster an Ort und Stelle und wurden von Kunstinteressierten aus nah und fern bewundert. Im September 1963 wurden sie auf Veranlassung der Kirchenleitung entfernt; weder der Stifter noch der Künstler waren vorher benachrichtigt worden. Dabei sind die Fenster, wie Hansing meint, durch, unsachgemäßes Herausreißen aus den Fensterrahmen zu dreißig Prozent zerstört worden. Die Fensterhöhlen wurden anschließend vermauert.

Nun fordert Hansing von der Kirchenleitung, die Fenster sollten nach seiner Anweisung und unter seiner Aufsicht auf Kosten der Kirche wieder instandgesetzt und an ihrem alten Platz wieder eingebaut werden. Eine Verletzung des Urheberrechts sei, so sagt er, unter anderem deshalb gegeben, weil diese Fenster für den Standort in der Nicolai-Kirche und die dort herrschenden Lichtverhältnisse in Wirkung und Aussage berechnet gewesen seien. Außerdem stelle das Verhalten der Kirchengemeinde eine Berufsschädigung dar.