Es ist unzulässig und unnötig in den komplizierten Prozeß der Schaffung eines Kunstwerkes reglementierend einzugreifen“, verkündete der SED-Vorsitzende im Kulturpalast des Industriestädtchens Bitterfeld vor den 1000 Delegierten der „2. Bitterfelder Konferenz“. Sie waren gekommen, um zu erörtern, wie weit der „Aufbau einer sozialistischen Nationalkultur“ gediehen sei. Es sollte Bilanz gezogen werden.

Vom „schreibenden Kumpel“, den die 1. Bitterfelder Konferenz 1959 proklamiert hatte, war indes nur noch selten die Rede. Dafür um so mehr von Franz Kafka. Sein Schatten beunruhigt die kommunistischen Parteifunktionäre offensichtlich mehr als alle kritischen Stimmen aus den eigenen Reihen. Die Diskussion um Kafkas Werk hat der SED ihre kulturpolitische Isolierung innerhalb des kommunistischen Lagers deutlich gemacht. Ein Jahr ist es her, daß im tschechoslowakischen Schloß Liblice sich die SED-Abgesandten gegen eine „Rehabilitierung“ des Prager Dichters wandten. Seitdem mußten sich Ulbrichts Ideologen von den Bruderparteien immer wieder den offenen Vorwurf des Dogmatismus gefallen lassen.

In Bitterfeld kündigte der Leiter des Aufbau-Verlags, Klaus Gysi, an, nun werde auch in der DDR „einiges von Kafka“ erscheinen. Kulturminister Benzien freilich warnte sofort, Kafka, Joyce und Proust „ohne Rücksicht auf ihren historischen Platz den sozialistischen Künstler als erstrebenswertes Beispiel darzustellen“.

Die Bitterfelder Konferenz war ein Versuch flexibler Funktionäre – zu denen drüben auch Ulbricht gezählt wird – sich vom Makel des Dogmatismus zu befreien, um der wachsenden Isolation zu entgehen.

Gleichzeitig mit der Ankündigung größere Freiheit für die „Geistesschaffenden“ distanzieren sich die SED-Ideologen aber wieder nachdrücklich von den „Revisionisten“ in Prag, Wien und Warschau. Für alte Kulturfunktionäre vom Schlage Kurellas mögen einige in Bitterfeld vertretene Thesen bereits revisionistisch klingen. Für die kommunistischen Intellektuellen aber, die vom 26. April im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats einen Prager Frühling erhofft hatten, war es auch diesmal wieder eine Enttäuschung. K. H.