Lieber Freund,

mit Deiner Bitte, Dir doch einmal mitzuteilen, was denn nun mit dem westdeutschen Katholizismus eigentlich los sei, hast Du mir Schlimmes aufgebürdet!

Mich interessiert dieser Gegenstand nicht sonderlich, bin jetzt auch ganz mit Wie und Was beschäftigt, die beide wohlbehalten von der Reise zurück sind. Aber um Dir ein sozusagen „geistlich Päcklein“ zu schicken, um der „Einheit in Freiheit“ zu dienen, Dir auch geistliche Nahrung zukommen zu lassen, habe ich mich bei einigen katholischen Kommilitonen zu informieren versucht – aber, mein Lieber, da geriet ich in ein fürchterliches Gezerre: Der eine riß mich vom anderen weg, um mir zuzuflüstern, was „der“ sage, sei ja falsch; dann riß mich der andere wieder vom einen weg, um mir zuzuflüstern, was „der“ sage, sei völlig abwegig ... Und am schlimmsten waren die sogenannten Vermittler, die mich vom einen wie vom anderen nicht wegrissen, sondern mich mit sanfter Gewalt zu sich hinzogen, um mir zuzuflüstern, der eine habe nicht ganz Unrecht, der andere aber auch nicht, und die Wahrheit liege in der Mitte!

Jedenfalls bin ich ausgiebig hin- und hergerissen, auch ausgiebig mit sanfter Gewalt behandelt worden, und Du weißt ja, was ich von Mitten denke.

Schließlich überließ ich mich ganz einem sympathischen Kommilitonen (übrigens gilt er als „der“ kommende Giraffologe!). Er sagte mir, die ganze Sache – der westdeutsche Katholizismus – bestehe fast ausschließlich aus Ab- und Ausweichlern. Die Ausweichler seien in der Mehrzahl, die Abweichler artikulierten sich am besten. Er sagte mir, es gebe – erschrick nun nicht! – auch ein Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das zwar nicht unfehlbar sei, doch mehr oder weniger berechtigt, festzustellen, wer katholisch sich nennen dürfe; alle anderen seien nur auch-katholisch, das heißt: sie dürften Kirchensteuer zahlen, seien zwar – das sei kirchenrechtlich unmöglich – nicht vom Kirchgang befreit, wenn sie aber reingingen, würde das eher als lästig und beunruhigend empfunden.

Das Zentralkomitee – so mein Gewährsmann, der Giraffologe – bestehe fast nur aus Ausweichlern; es sei ständisch geordnet, sinne auf Ständisches und habe standesgemäß einen liebenswürdigen Fürsten als weltliche, einen Prälaten als geistliche Spitzenkraft.

Spitzenkräfte, Führungskräfte ... das sind so Termini, wie ich sie aus den Stellenangeboten der hiesigen Presse kenne.