Von Dietrich Strothmann

Mit dem Fuchs, dem so gerissenen, angeblich unbezwingbaren Fabelwesen des Griechen Äsop, hat er kaum etwas gemein – der bald achtzigjährige Ismet Inönü, nun schon zum vierten Male türkischer Ministerpräsident, der Ismet Pascha, wie ihn Freund und Feind ehrfürchtig nennen.

Wohl nie in seinem Leben hat Inönü sich an Trauben versucht, die ihm zu hoch hingen und die doch nur sauer waren. Nie auch hat er den Raben beschwatzt zu singen, damit diesem das begehrte Stück Käse aus dem Mund fällt. Inönüs oft gerühmte Schläue, die bei ihm hochentwickelte, häufig erprobte Gabe, zu taktieren und seine Gegner geschickt an die Wand zu spielen, sind nicht von der Art des Reineke aus den Äsopschen Parabeln. Der Fuchs, so viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden auch immer gesucht werden mögen, ist nicht das Wappentier des Türken.

Wie überhaupt in seinem Fall nur ein Vergleich zulässig wäre: der des Soldaten, der er zeitlebens war, des in manchen Schlachten gestählten Offiziers, der den Mut aufbringt, sich jedem Angreifer zu stellen. Nicht blindlings, sondern besonnen, zuweilen auch listig.

Solches Abwarten freilich, seine Bedachtsamkeit, die damit rechnet, daß sich der Widersacher irgendwann eine Blöße gibt, wird Ismet Inönü gerade jetzt, da er sich zu seinem letzten Gefecht rüstet, von vielen Türken zum Vorwurf gemacht – in der blutigen Krise um die Mittelmeerinsel Zypern, in der Auseinandersetzung mit dem Präsidenten-Erzbischof Makarios im Kampf um das Leben und die Rechte der 100 000 Inseltürken.

"Zieh deine Stiefel an!" lautet die Parole seiner rachedurstigen Landsleute, die lieber heute als morgen die Insel stürmen wollen. "Tod dem Makarios"‚ rufen sie und putschen in Ankara und Istanbul die fassen auf. Und sie ritzen sich die Arme ein und malen auf das Denkmal Kemal Atatürks, des "Vaters der modernen Türkei", mit ihrem Blut eine Karte Zyperns. Sie haben es noch nicht verwunden, daß Inönü Mitte Februar die bereits ausgelaufene Flotte zurückbeorderte, nur weil ihn der US-Sonderbeauftragte Ball bat, 48 Stunden zu warten. Damals, so murren die jungen Offiziere, habe der greise Pascha eine große, unwiederbringliche Chance verpaßt, dem von Makarios angezettelten Streit ein für allemal ein Ende zu bereiten.

Ist Ismet Inönü, der zur Generation eines Adenauer, Churchill, de Gaulle und Franco gehört, etwa doch müde geworden? Ist nun, nach so langen Jahren des erbitterten Kampfes in den Arenen des Krieges und der Politik, jenes ihm sonst eigene Feuer des Missionars erloschen, der mitreißende Elan des Erneuerers? Ist das Ende der zweiten Ära Ismet Inönüs nahe?