Der überraschende Zusammenschluß des ostafrikanischen Staates Tanganjika mit der Volksrepublik Sansibar regte deutsche Afrikologen zu verschiedensten Analysen an. „Schachzug gegen den Kommunismus?“ fragte die „Welt“. „Ruck nach links“, konstatierte die „FAZ“. Jedoch auch in London und Washington war man zunächst ratlos. Der britische Afrika-Experte Colin Legum warnte: „Es ist falsch, diese Ereignisse als günstig für den Westen darzustellen, es sei denn, sie sind ungünstig für die Kommunisten. Die Interessen, denen Nyerere zu dienen suchte, sind die des afrikanischen Nationalismus und der Blockfreiheit.“

Julius Nyerere, Präsident des Einparteienstaates im ehemaligen Deutsch-Ostafrika, hat mit dem Föderations-Coup sein Prestige aufbessern können, das nach der Meuterei seiner Askaris im Januar arg gelitten hatte. Nur mit Hilfe britischer Soldaten, die er dann durch ein paar afrikanische Bataillone aus Nigeria ablösen ließ, hielt er sich im Sattel. Die Aktivität der Abgesandten Moskaus, Pekings und Pankows auf Sansibar und Pemba, also vor seiner Haustür, konnte seiner Macht gefährlich werden, obschon er nach der Auflösung der Armee auch gleich die Gewerkschaften entmachtet hatte.

Die Hintergründe des plötzlichen Zusammenschlusses von Tanganjika (neun Millionen Einwohner) und Sansibar und Pemba (300 000) liegen noch im Dunkeln. Einigen Spekulationen zufolge nutzte Nyerere die Abwesenheit des Außenministers Babu, dem man Sympathien für Peking nachsagt, um den gemäßigten Präsidenten Karume zu erpressen. Er habe ihm mit dem Rückzug der dreihundert Polizisten gedroht, die er Karume im Winter ausgeliehen hatte.

Die Föderation mit Tanganjika sei, so heißt es, erst möglich geworden, als im Revolutionsrat eine moskaufreundliche Gruppe um Vizepräsident Hanga die „Chinesen“ überstimmte. Aber Mutmaßungen über eine Ausbootung Babus oder einen Auszug des DDR-Botschafters aus Sansibar (Tanganjika wird von der Bundesrepublik unterstützt) waren verfrüht. Babu kehrte unangefochten von seiner Reise nach Pakistan zurick und trat ebenso wie Hanga in die gemeinsame Regierung der neuen Föderation ein. Nyerere hütete sich, in einer Pressekonferenz auf Fragen nach den künftigen auswärtigen Beziehungen oder nach den „Errungenschaften“ der Revolution auf Sansibar einzugehen. Vielsagend war sein Eingeständnis: „Politische Häftlinge werden politische Häftlinge bleiben.“ Kassim Hanga, nun Bergbauminister der neuen Allianz, in der „Prawda“: „Wir anerkennen die DDR.“

Die Ministerposten wurden im Verhältnis 4:1 aufgeteilt, die Schlüsselposten verblieben bei Tanganjika. Aber man darf daraus nicht schließen, das reiche Sansibar werde vom armen Tanganjika geschluckt werden. Es wäre nicht das erstemal, wenn Afrika nach der Pfeife Sansibars tanzen müßte. Oder mit den Worten eines britischen Diplomaten: „Man kann die Möglichkeit nicht ausschließen, daß der Schwanz mit dem Hund wedelt.“