Fast gleichzeitig, zu Beginn der großen Feriensaison 1964, haben offizielle Regierungsstellen in Italien und Frankreich zu energischen Maßnahmen aufgerufen, „alles für die ausländischen Touristen zu tun“. Denn Touristen gehören zu den Hauptdevisenbringern in beiden Ländern und die Fremdenverkehrsindustrie zu den wichtigsten Einnahmequellen der Wirtschaft. Vor dem französischen Senat sagte der ehemalige Minister Edouard Bonnefous: „Es ist fast ein Wunder, daß überhaupt noch ausländische Touristen kommen.“ Selbst die Franzosen, die früher ihr Land selten verließen, verbringen ihre Ferien jetzt woanders. Frankreich, finden sie, sei viel zu teuer und zu ungastlich. Und Italien hat die Schlappe des vorigen Jahres nun auch ernst genommen: 1963 waren sehr viel weniger Touristen als in den Jahren zuvor in das Land gekommen. Der italienische Fremdenverkehrsminister Achille Corona forderte jetzt:

  • Beschleunigung der Zollabfertigung an den Grenzen. Die kilometerlangen Schlangen vor den Schlagbäumen in der Hauptsaison sollen verschwinden.
  • Stärkerer Kampf gegen den Lärm.
  • Ausgabe eines „Touristen-Ausweises“ für 500 Lire (rund drei Mark), mit dem alle staatlichen Museen besucht werden können. Kunstgalerien und Museen sollen länger geöffnet werden.
  • Eine gründliche Polizeiaufsicht, um Diebstähle und Belästigungen ausländischer Touristinnen zu unterbinden. Kampf gegen die „Papagalli“, jene jungen Draufgänger, die Mädchen aus dem Norden beunruhigen.
  • Touristen-Mahlzeiten in gekennzeichneten Lokalen zu festen Preisen.
  • Maßnahmen gegen die Ölpest an den Küsten.

Corona beschäftigte sich auch mit der Frage, ob die italienische Politik (samt antideutschen Demonstrationen und italienischen Filmen mit antideutschen Tendenzen) den Touristenstrom aus Deutschland abgeschnitten habe. Einer der wichtigsten Gründe, weshalb im letzten Jahr deutsche Touristen veranlaßt wurden, ihre Ferien lieber in Spanien und Jugoslawien zu verbringen als in Italien, wurde allerdings von dem Minister nicht berührt: Die Preissteigerung in Italien.

Am 15. Mai soll in Italien nun ein „Ausnahmeprogramm“ in Kraft treten, das neben den erwähnten Punkten auch mehr Genehmigungen für Charterflüge enthält. Außerdem soll Italien jetzt endlich die internationale Konvention unterzeichnen, daß Tankschiffe nur in gesetzlich festgelegten Abständen vor der Küste ausgewaschen werden und Öl ablassen dürfen. Der Teer an den Stränden müsse beseitigt werden.

In Frankreich hat sich Bonnefous vor allem mit den Preisen auseinandergesetzt (worüber der italienische Fremdenverkehrsminister schwieg). Amerikanische, britische und deutsche Reiseagenturen gäben ihren Kunden den Rat, so sagte Bonnefous, das teure Frankreich zu meiden und Geld zu sparen. Durchschnittlich packten ausländische Touristen nach zweieinhalb Tagen die Koffer, wie aus den statistischen Angaben für 1963 hervorgeht. Ursachen, die zu dieser alarmierenden Entwicklung geführt haben, seien:

  • Viel zu hohe Preise in der Gastronomie;
  • altmodische und viel zu teure Hotels; in Paris sei seit 1962 kein einziges neues Hotelzimmer gebaut worden;
  • die Aufhebung der bis vor kurzem gewährten Ermäßigung des Benzinpreises für Touristen, der höher als irgendwo sonst in Westeuropa ist und etwa einen Franc = 81 Pfennig für einen Liter Super, bei uns 64 Pfennig, beträgt. Unzureichende Straßen, Mangel an Autobahnen kommen hinzu.
  • kühle Behandlung der Touristen.

Der französische Staatssekretär für Tourismus, Daumas, beteuerte in dieser heftigen Debatte im Senat, daß die Regierung der unerfreulichen Entwicklung nicht untätig zusähe. Eine Anzahl in Vorbereitung befindlicher gesetzlicher Neuregelungen soll dazu beitragen, Investierung neuen Kapitals in der Hotelbranche und die Erschließung neuer Gebiete für den Fremdenverkehr zu ermöglichen. Ob und wann es gelingen wird, den Preiserhöhungen, die heute Frankreichs Position als Fremdenverkehrsland gefährden, Einhalt zu gebieten, darüber konnte sich der Sprecher nicht bindend äußern.