Im ersten Teil seiner geistesgeschichtlichen Analyse unter dem Titel „Deutschland ist Hamlet“ gab der Basler Literarhistoriker Professor Dr. Walter Muschg einen Überblick über die Aufnahme Shakespeares in Deutschland, von der folgenreichen Begeisterung Herders bis zu Ludwig Börnes drastischer Absage an den Shakespeare-Mythos.

Diese Absage war das Signal für den Kampf des Jungen Deutschland gegen den romantischen Hamlet-Kult. Die Spannung zwischenTraum und Tat, Philosophie und Revolution war jetzt ein öffentliches, nationales Problem. In ihrer gewitterschwülen Luft entstand die Rhetorik einer Freiheitsdichtung, die den schlafenden deutschen Bürger mit aufpeitschenden Bildern zu wecken versuchte und auch das Bild Hamlets dazu benützte.

Er wurde zu einer der vielen Figuren im literarischen Pandämonium, in dem sich die komplizierte Seelen Verfassung des deutschen Liberalismus spiegelte. Dem blassen Prinzen mit dem Narrenschädel in der Hand, der in Wittenberg studiert hat und an seinem Tiefsinn zugrunde geht, trat der mit der Feder gegen Tod und Teufel streitende Ritter Ulrich von Hutten gegenüber. Neben ihnen standen der alte Faust, Torquato Tasso, der schattenlose Peter Schlemihl, Kain, Luzifer, Don Juan in Byrons nihilistischer Version.

Im Todesjahr Goethes schrieb Gutzkow unter dem Eindruck des „Faust“ seine dramatische Phantasie „Hamlet in Wittenberg“, die Hamlet und Horatio als Studenten im lutherischen Deutschland auftreten läßt. Hier spricht Hamlet im jungdeutschen Jargon und nimmt den Schwefelgeruch der deutschen Walpurgisnacht an. Er kommt mit Faust und Mephisto zusammen und verwandelt sich in einen blauäugigen Träumerhans, den Faust verhext, indem er ihm ein Trugbild Ophelias vorgaukelt. Das soll die Erklärung für sein von Shakespeare dargestelltes Verhalten sein. „Er schläft, der gute Tor. Er weiß nicht, daß er in den Armen der Hölle ruht. Stör ihn nicht, Satan, aus seinem Himmelstraume. Er wird nun hingehen in die Welt – zerrissen – unkräftig – nur lebend in dem Schatten, den er wirft.“

Die Schriftsteller des Vormärz waren selbst solche Zerrissene, die mit dem Dilemma zwischen Wort und Tat nicht fertig wurden. Ihr Verschleiß an gigantischen Metaphern ließ im Grund schon den Ausgang der deutschen Bürgerrevolution ahnen. Sie ahnten ihn selbst und schwelgten in ihrer Zerrissenheit, für die sie sich gern auf den von Börne entlarvten Hamlet beriefen.

Der schlagende Ausdruck dieser vormärzlichen Hamlet-Phraseologie ist Freiligraths Gedicht „Hamlet“ in seinem „Glaubensbekenntnis“ von 1844, das ihn zur Flucht ins Ausland veranlaßte. Dieses einst berühmte Stück der vergessenen deutschen Freiheitslyrik biegt Börnes verbitterte Kritik am deutschen Volk in einen pathetischen Aufruf an die Deutschen um.

Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm