J. F. C. Fuller: Die entartete Kunst, Krieg zu führen. 1789–1961. Verlag Wissenschaft und Politik; Köln. 384 Seiten mit 16 Bildern und vier Karten, 24 DM

In den dreißiger Jahren erregten zwei schmale Bücher über die künftige Strategie und Taktik einiges Aufsehen. Sie lehrten, daß die kommenden Kriege, anders als die Schützengraben-Feldzüge des Ersten Weltkrieges, durch mächtige Stoßkeile von Panzerkorps schnell entschieden werden könnten. Der eine Verfasser heißt Charles de Gaulle, der andere J. F. C. Fuller. Ihre Lehre bedeutete eine Revolution. Deshalb wurde sie von den konservativen Generalstäben in England und Frankreich auch verworfen. Der General Gamelin ging in den Feldzug von 1940 mit zersplitterten und nicht mit geballten Panzerkräften. Das Ende war die Katastrophe. Guderian hatte Fuller und de Gaulle besser verstanden, als es ihre eigenen Kameraden getan hatten.

Ein Mann wie Fuller, der damals die entscheidende Wende der Kriegsführung richtig vorausgesagt hat, darf mit Beachtung auch heute rechnen, wenn er über die Kriegsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte schreibt. Fachmann und Laie werden mannigfachen Gewinn daraus ziehen, wie Fuller ihnen erklärt, warum die Französische Revolution und Napoleon eine neue, zermalmende Art der Kriegsführung entwickeln konnten. Die schon vor ihm gewonnenen Erkenntnisse über den amerikanischen Bürgerkrieg werden von ihm erweitert und vervollständigt: dieser Krieg war schon ein Krieg des Spatens, lang andauernder Schlachten, hinausgezögerter Entscheidungen. Für die Entwicklung der Kriegskunst war er wichtiger als die Feldzüge von Königgrätz und Sedan. Hätten die europäischen Generalstäbe ihn studiert, sie wären 1914 mit geringeren Illusionen in den Krieg gezogen.

Aber für viele Leser wird der Wert des Buches nicht in der Fülle der im engeren Sinne fachmännischen Darlegungen bestehen. Den Hauptgewinn bei der Lektüre werden sie darin finden, daß Fuller Kriegsgeschichte als Geistesgeschichte und als politische Geschichte lehrt. Mancher Leser wird entsetzt sein, wenn er sieht, wie Fuller den Schein der Unfehlbarkeit um Clausewitz Haupt zerstört; Fuller nennt den berühmtesten Kriegstheoretiker der Geschichte kurz „verworren“. Aber dann preist er den preußischen General wieder wegen einer bestimmten bedeutenden Eigenschaft: Clausewitz hat wie niemand vor ihm den Zusammenhang zwischen Politik und Kriegsführung erkannt. Und insofern ist auch Fuller ein Schüler von Clausewitz.

Er legt dar, warum die Kriege des Absolutismus so behutsam geführt wurden, warum bei ihnen die Zivilbevölkerung so weit geschont wurde, wie dies im Kriege eben möglich ist. Zum Teil läßt sich das einleuchtend mit der Begrenztheit der Taktik der damaligen Zeit erklären; entscheidend war aber, daß die Regierungen einen Sinn für Maß hatten und den Krieg nur um begrenzter machtpolitischer Ziele willen führten. Die Französische Revolution entfesselte dann alle dämonischen Kräfte der zügellosen Leidenschaft auch im Kriege. Rousseau ist für Fuller eine der verhängnisvollsten Gestalten der Neuzeit, Napoleon erscheint nur als der getreue Schüler Rousseaus. Vorher war die Kriegsführung eine Kunst gewesen, jetzt entartete sie und endete in der Barbarei des totalen Krieges.

Fuller kennt keine nationale Befangenheit. Die Entartung geißelt er, wo er sie findet – bei Franzosen, Deutschen, Russen, Amerikanern, Engländern. Als Beispiel sei das Bemühen um historische Gerechtigkeit erwähnt, mit der in diesem Buche das Bild Churchills gezeichnet wird. Fülle? bewundert ihn, aber er verschweigt nicht, wie auch dieses Genie der maßlosen Kampfesleidenschaft verfallen war, die zu den Kennzeichen der letzten Kriege gehört. Zu viele Darstellungen schildern nur den klugen, in die Zukunft weisenden Staatsmann, der 1944 und 1945 schon die aus dem Osten kommende Gefahr erkannte und der sie zurückgedrängt hätte, wenn ihm nicht Roosevelt und Eisenhower, diese wieder Opfer ihrer leidenschaftlichen Feindschaft gegen die Deutschen, in den Arm gefallen wären.

Aber es hatte eine Zeit gegeben, in der die Amerikaner auf dem europäischen Kriegsschauplatz noch nicht erschienen waren, in denen Churchill den Weg selber bestimmte, den die alliierte Kriegsführung gehen sollte und in der er alles tat, die Sowjetunion stark und mächtig zu machen, weil sein Deutschenhaß ihn blind machte gegenüber den Wolken, die aus dem Osten herraufgezogen. Churchills machtvoller Wille kannte nur ein Ziel: den Sieg. Aber das ist zuwenig für den Premierminister eines Weltreiches. „Im Kriege ist der Sieg immer nur ein Mittel zum Zweck, und für einen rechten Staatsmann ist der Zweck des Krieges der Friede. Das vermochte Churchill nicht zu begreifen, bis es schon fünf vor zwölf und zu spät war, den Schaden wieder gutzumachen.“