München

An der Isar hat der Verkehrsteilnehmer ohnehin nichts zu lachen. Und nun erhält die bayerische Hauptstadt noch ein neues Verkehrsproblem: evangelische Schulbusse. Das hatten die Väter der „Verfassung des Freistaates Bayern“ wohl kaum vorausgesehen, als sie in Artikel 135 dekretierten: „Die öffentlichen Volksschulen sind Bekenntnis- oder Gemeinschaftsschulen. Die Wahl der Schulart steht dem Erziehungsberechtigten frei ...“

Die Praxis dieser Verfassung brachte es indes bald mit sich, daß die Schüler auf Reisen geschickt wurden. Wenn sich zum Beispiel an einer Schule nicht genug Schüler eines Bekenntnisses einschrieben, dann könnten dort natürlich auch keine Bekenntnisklassen gebildet werden. Die Schüler mußten dorthin fahren, wo es eine Schule mit passendem Bekenntnis gab. Und meist bedeutete dies einen langen Schulweg, mit Umsteigen und Wartezeiten. Viele Eltern meldeten deshalb ihre Kinder einfach in der näher gelegenen Gemeinschaftsschule an. Tatsächlich nimmt in Bayern die Zahl der in Bekenntnisschulen angemeldeten Schüler ständig ab.

Doch was den Eltern recht war, schien den Kirchenbehörden billig zu sein. Das evangelischlutherische Dekanat in München wollte nicht mehr tatenlos zusehen. Dekan Theodor Heckel ließ ein Rundschreiben an Eltern, Schulleiter und Pfarrer hinausgehen. Darin schrieb er, daß zwar viele Eltern jedes Jahr ihre Kinder zur evangelischen Bekenntnisschule anmeldeten, daß aber – da die evangelische Bevölkerung Münchens in der Minderheit ist – sehr oft die Zahl der abgemeldeten Kinder nicht ausgereicht habe, um im nächstgelegenen Schulhaus eine eigene Klasse der evangelischen Bekenntnisschule zu bilden. So seien praktisch viele Kinder zum Besuch einer anderen Schulart gezwungen worden. Künftig würden die Kinder „gefahrlos und kostenlos“ in Omnibussen in Schulen mit evangelischen Klassen gebracht,

Nun gibt es in München eine Abgeordnete, die schon beinahe zu einer Institution des öffentlichen Lebens geworden ist: eine liberale und streitbare Vertreterin der FDP im Landtag, Frau Dr. Hildegard Hamm-Brücher. Sie läßt den weiß-blauen Kultusminister Theodor Maunz nicht zur Ruhe kommen, sie läßt sich mit keiner noch so glatten und formal unanfechtbaren Formulierung abspeisen, sie gibt sich mit keiner Auskunft zufrieden. Dieses Mißtrauen hat ihr schon beträchtliche Erfolge, allerdings auch allerhand böse Worte eingebracht. Kaum hatte sie von dem Rundschreiben des Dekanats gehört, schrieb sie auch schon prompt einen „Offenen Brief“ an den bayerischen Landesbischof Dietzfelbinger. Der Landesbischof möge doch bedenken, so bat die Abgeordnete, „daß in München nur 3426 Kinder evangelische Volksschulen besuchen, gegenüber 8116 evangelischen Kindern in christlichen Gemeinschaftsschulen und außerdem noch 2139 Gastschüler in katholischen Schulen“. Und dann berief sich die Abgeordnete auf die evangelischen Eltern: Müßten sich diese nicht fragen, „ob es richtig ist, daß ihre Kirchensteuern für eine ausgesprochen schulpolitische Kampfmaßnahme verwendet werden, statt ausschließlich für rein kirchliche Aufgaben“. Und sie fragte, ob die Eltern mit Hilfe eines kostenlosen Schulbusses für de Konfessionsschule „geködert“ werden sollten.

Bischof Dietzfelbinger zeigte sich überrascht darüber, daß erst jetzt die Schulbusse angegriffen würden, wo doch bereits in einem von der letzten Landessynode im Februar herausgegebenes Kommuniqué gestanden habe: „Die geplante Verbesserung des Schulaufbaus kann durch Einsatz von Schulomnibussen erleichtert werden.“ Die Einführung dieser Schulbusse für evangelische Abc-Schützen in München geschehe unter der Verantwortung der evangelisch-lutherischen Gesamtkirchengemeinde Münchens. Und an diese Stelle habe er auch den Brief von Frau Hamm-Brücher weitergeleitet. Aber der Landesbischof hielt mit seiner eigenen Meinung nicht hinter dem Berg: „Wer es mit der Frage der Schulbusse zu tun hat, weiß, daß hier in einem Notstand eine Art Pionierdienst zu leisten ist. Ich würde mich freuen, wenn diese Pionierarbeit der Gesamtkirchengemeinde München zu einer umfassenden Lösung führen könnte, die freilich ebensowenig, wie Sie es diesem Plan unterstellen, mit schulpolitischen Zwecken verbunden sein dürfte.“

Das Münchner Dekanat erklärte, seine Maßnahme bezweckte genau das, was Frau Dr. Hamm-Brücher fordere, nämlich eine „vernünftige, befriedigende Regelung des Schulwesen“, allerdings auch für die Kinder „bewußt evangelischer Eltern“, die bisher erhebliche Nachteile in Kauf nehmen mußten.

Aber die FDP-Landtagsabgeordnete gab sich nicht geschlagen. In einer Antwort auf die Antwort schrieb sie: „Mögen, als bedauerliche Folge der Konfessionalisierung überhaupt, evangelische Schulbusse in ländlichen Gegenden, in denen alle evangelischen Kinder eines Schulsprengels in ein eigenes Schulhaus gehen müssen, noch vertretbar sein, in München ist die Situation völlig anders.“ In München hätten sich drei Viertel der evangelischen Eltern für die Gemeinschaftsschule entschieden. Schon deshalb sei die Einführung von Konfessionsbussen problematisch, „da sie ja aus allgemeinen Kirchensteuern finanziert werden müssen und deshalb auch die übrigen 75 Prozent das gleiche Anrecht auf Busbeförderung ihrer Kinder hätten. Wenn das Beispiel des evangelischen Konfessionsbusses Schule macht, werden zwangsläufig in absehbarer Zeit in München dreierlei Busse herumfahren“. Paul Stein