Wien hat seine Burg, seinen Heurigen und den Heesters. Das ist nun freilich nicht alles und auch nicht unbedingt das Wichtigste. Aber es ist wenigstens bezeichnend; man hat die immer gleichen Assoziationen, hört man einen der drei Begriffe nennen. Die Stadt, in der über Jahrhunderte hinweg handfeste europäische Politik „gemacht“ wurde, kaschiert von gemütlichem Raunzen und zuckerbäckerhaft verbrämt, ist keineswegs jener steingewordene Anachronismus, den Zyniker bisweilen in der österreichischen Hauptstadt sehen. Wien ist modern. Und was überlebt ist an dieser Metropole, das ist in die Umgebung verbannt worden. Sofern es nicht überhaupt schon immer außerhalb der Bannmeile lag, wie – zum Beispiel – Klein-Wetzdorf.

Klein-Wetzdorf? Das klingt so nach „Tuntenhausen“ oder „Buxtehude“ oder gar „Kalau“. Gibt es das eigentlich? Und ob! Aber Gott sei Dank gibt es Klein-Wetzdorf und seinen Heldenberg nur einmal. Denn den Radetzky gab es auch nur einmal, und just der liegt da in erlauchter und ebenbürtiger Gesellschaft begraben.

Ganz recht, der Radetzky, der mit dem gleichnamigen Marsch in indirekten Zusammenhang zu bringen ist. Dann ist da noch der Wimpffen und der... aber Sie machen besser den Spaziergang mit, den wir teils erschauernd (aus sehr unterschiedlichen Gründen), teils belustigt (aus weniger unterschiedlichen Gründen) an einem diesigen Tag dort absolvierten.

Auf der österreichischen Bundesstraße 4 gelangten wir über Gmünd nach Klein-Wetzdorf, Richtung tschechoslowakische Grenze. Der Weg führt durch eine durchschnittliche Gegend: Wiesen, Felder, Bäume, Wälder und Sträucher fliegen am gelangweilten Auge vorbei – Niederösterreich, in dem Landwirtschaft und Weinbau groß geschrieben werden. Plötzlich eine Abzweigung nach links, vorbei an einem etwas vernachlässigt aus blinden Fenstern blickenden größeren Gehöft, vorbei an einem ockerfarbenen ovalen Schild: „Heldenberg. Ruhestätte Radetzkys.“

Wer sich vorher mühsam erkundigt, weiß es: Besichtigung von Mai bis September zwischen 8 und 18 Uhr, von Oktober bis April 9 bis 17 Uhr. Doch nur von Dienstag bis Sonntag – montags dürfen die gußeisernen oder mumifizierten Heiden müde sein und ihre Ruhe genießen. Wir hatten uns mühsam erkundigt und rollten des Wegs an einem ordinären Mittwoch, machten respektlose Bemerkungen angesichts der durch die Gitterstäbe, die links und rechts den breiten Pfad säumten, lugenden Figuren in militärischer Haltung „Vorsicht! Held von links!“ – „Der dort, der mit dem Federbusch, der wechselt angeblich in jedem Oktober Stand- und Spielbein!“

Unvermittelt beschreibt der Weg einen scharfen Knick nach links, dann geht’s durch eine schnurgerade Allee dem Eingang des einzigen und Original-Heldenberges zu. Lange Reihen von rohgezimmerten Bänken und Tischen zeugen davon, daß an Sonn- und Feiertagen hier offenbar ein reger Ausflugsverkehr herrschen muß – hier können Familien Kaffee kochen, und hier können die Wiener oder solche, die es gern sein möchten, in ihrer ganz privaten Glorie made in Austria, und zwar im neunzehnten Jahrhundert, schwelgen. Bei heißen Würstchen und Coca-Cola.

Nun führt die Allee bergan, mündet in ein offenes Tor, wir entrichten den Obulus zur Pflege der gußeisernen Marschälle und sauber geharkten Wege. Wir passieren das Tor und erblicken: einen älteren Herrn, auf einen Stock gestützt, lebend, der interessiert ins Wageninnere blickt; Bäume, säuberlich gestutzte Hecken und ein Haus in Siegeshallen-Form. „Die Aussegnungshalle“ entfährt es mir, doch dann erschrecken wir, und zwar elementar: Wie aus dem Erdboden wachsend, tauchen plötzlich ganze Gruppen rostiger Statuen auf, ragen zuerst mit verwegen dreinschauenden Häuptern über Buschwerk, nehmen endlich überdimensional Gestalt an – ein makabres Gewirr von gußeisernem Stolz, trutziger Unbeweglichkeit und rostiger Erhabenheit.