In der vergangenen Woche öffneten sich sechs Türen des Braunschweiger Untersuchungsgefängnisses für den ehemaligen SS-Offizier Hans-Walter Zech-Nenntwich. Ein Wagen stand für ihn bereit und dann ein Flugzeug.

Mittlerweile vermutet die Kriminalpolizei den Ausbrecher in Südamerika. Sie ermittelte auch zwei Fluchthelfer: einen Justizangestellten und eine attraktive Frau. Von der Aufklärung dieses perfekten Ausbruches ist sie jedoch wohl noch weit entfernt. "Es scheint außer Zweifel zu sein, daß bei der Befreiung Zech-Nenntwichs Nachrichtendienste ihre Hand im Spiel gehabt haben", berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Braunschweig. Die bewegte Vergangenheit Hans-Walter Zech-Nenntwichs, alias Zahn, alias Nansen, alias Böttcher, alias Nenntwich, alias Freiherr Zech von Nenntwich liegt in der Tat die Vermutung nahe, daß ihm nicht allein eine verliebte Dame und ein "alter Kamerad aus dem Arbeitsdienst" zur Flucht verhalfen.

In der Kunst des Ausbrechens übte sich der damalige SS-Offizier zum erstenmal im April 1943. Die Gestapo hatte den Obersturmführer in ihr Warschauer Gefängnis gesteckt, weil er – wie er selbst behauptete – Kontakt mit der polnischen Widerstandsbewegung aufgenommen hatte oder – nach Aussagen anderer – weil er sich Waffenschiebungen im Generalgouvernement und Vergewaltigung hatte zuschulden kommen lassen.

Als Hermann Böttcher verließ Nenntwich das Gefängnis und gelangte auf abenteuerlichen Wegen nach Schweden. Dort heuerte ihn der britische Secret Service an. Nachdem er den Engländern die Geschichte von einer SS-Widerstandsgruppe erzählt hatte, die er zusammen mit Eva Brauns Schwager Fegelein gegründet habe, wurde er unter Sefton Delmer Mitarbeiter des "SS-Widerstandssenders Hagedorn". Die Briten tauften den Überläufer auf den nordischen Namen Sven Nansen. Und als Sven Nansen kehrte der ehemalige SS-Offizier 1945 nach Deutschland zurück, um Karriere zu machen.

Seine englischen Freunde empfahlen Nansen-Nenntwich dem damaligen Leiter der deutschen Regierung von Nordrhein und späteren Bundesinnenminister Robert Lehr so nachdrücklich als persönlichen Referenten, daß dieser nicht abzulehnen wagte. Sven Nansen begleitete seinen neuen Herren auf alle wichtigen Konferenzen und kam so in Kontakt mit der neuen politischen Prominenz Westdeutschlands. Seine Loyalität mußte er zwischen zwei Dienstherrn teilen: denn er war nicht nur Angestellter der Provinz Nordrhein, sondern auch Agent des britischen Geheimdienstes.

Nach der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen mußte Lehr gehen, Nansen aber blieb. Er wurde von der Regierung Arnold als Legationsrat übernommen und sammelte für seine britischen Dienstherren eifrig Material über Politiker und Beamte der Landesregierung. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete er auf den damaligen Oberregierungsrat und späteren Bundesminister Gerhard Schröder.

Alsbald schreckte Nansen seine englischen Auftraggeber mit einer "ernsten" Nachricht: In den Westzonen habe sich eine einflußreiche neonazistische Zelle gebildet. Die Köpfe dieser Verschwörung seien der Oberregierungsrat Gerhard Schröder, der Vizegeneralsekretär des Zonenbeirats Herbert Blankenborn und der Bremer Staatssekretär Adolf Stier tom Moehlen. Von Nenntwich-Nansens ehemaligem Brotgeber Sefton Delmer weiß der "Spiegel", daß der Legationsrat damals auch dem Bundeskanzler Einblick in seine Geheimdossiers gewährte. Silvester 1949 berichtete Nansen danach Adenauer zwei Stunden lang von seinen Ermittlungen.