Washington, im April

Fünf Monate lang hat Lyndon B. Johnson gebraucht, um ganz aus dem Schlagschatten des toten Präsidenten Kennedy herauszutreten. Aber heute kann es keinen Zweifel mehr geben: Der neue Mann im Weißen Haus ist nicht mehr bloß Nachfolger und Testamentsvollstrecker, er ist jetzt Präsident kraft unverwechselbaren eigenen Profils und eigener Leistung. Die Übergangsphase ist beendet; die Ära Johnson hat begonnen.

Es scheint, als habe der Frühling am Potomac dem energiestrotzenden Texaner ein neues Kraftreservoir erschlossen. Binnen vierzehn Tagen hat Johnson in Washington die Baseball-Saison, in New York die Weltausstellung und in Chikago die Kampagne zur Finanzierung des demokratischen Wahlkampfes eröffnet; er hat mit König Hussein, Kongreßführern und Kabinettsmitgliedern stundenlang konferiert; einen drohenden Eisenbahnerstreik durch seine persönliche Intervention abgewendet; fünf Pressekonferenzen veranstaltet; vier große Reden gehalten; die Entspannungspolitik mit den Sowjets einen Schritt vorwärts gebracht; Elendsgebiete in fünf Bundesstaaten besucht; auf seinen Reisen oder im Rosengarten des Weißen Hauses Hunderte von Händen geschüttelt. Als er nach vierzehnstündiger Reise am vorigen Sonnabend aus dem Notstandsgebiet der Appalachen zurückkehrte, blieb er mit seinem Stab bis in den Morgen hinein auf, um ein Soforthilfeprogramm auszuarbeiten, das er am Montag dem Kongreß vorlegte.

Seine wirbelwindartige Betriebsamkeit hat Johnson nicht nur Schlagzeilen eingebracht und ihn zur beherrschenden Gestalt der Fernseh-Nachrichten werden lassen. Selbst eingefleischte Kennedy-Anhänger (und es gibt ihrer noch viele in Washington) räumen ein, daß seine Aktivität Erfolge gezeitigt hat: das Auslandshilfegesetz, die Steuersenkung, zwei wichtige Landwirtschaftsgesetze, die Schlichtung im Eisenbahndisput (an der sich zwei Präsidenten vor ihm vergeblich versucht hatten). Auch stehen die Chancen der Bürgerrechts-Vorlage, die jetzt im Senat debattiert wird, heute besser denn je zuvor. Und mag Kennedy auch manche Vorarbeit geleistet haben – das Verdienst wird doch dem unermüdlich knetenden, tretenden und redenden Johnson zugeschrieben. Theo Sommer