Vernunft für morgen gegen Emotionen von gestern

Von Marion Gräfin Dönhoff

"Zeit meines Lebens begleitet mich eine bestimmte Vorstellung vom Wesen Frankreichs. Das Gefühl hat sie mir ebenso eingegeben wie der Verstand. Was in mir an Gemütskräften lebendig ist, sieht Frankreich wie eine Märchenprinzessin oder die Madonna an der Kirchenwand, berufen zu einem großartigen und ungewöhnlichen Schicksal." Charles de Gaulles Einleitung zum 1. Band seiner Memoiren

Frankreichs Uhren gehen plötzlich schneller. Nein, nicht nur schneller, sie rasen förmlich. Und niemand weiß, warum. Glaubt der 73jährige General, ihm werde nicht genug Zeit bleiben, um das Schicksal seines Landes zu gestalten? Meint er, er müsse der unterentwickelten Welt so rasch wie möglich seine strikte Neutralität beweisen? Will er die Reform der NATO erpressen oder was sonst veranlaßt ihn, alle seine bisherigen Allianz-Partner, in schneller Folge, einen nach dem anderen vor den Kopf stoßen?

1. Bei der SEATO-Tagung in Manila (zu diesem Pakt gehören: Thailand, Philippinen, Pakistan, England, Australien, Neuseeland, USA und Frankreich) hat sich Frankreich als einziges Land geweigert zu erklären, es werde Süd-Vietnam gegen die Kommunisten beistehen, falls die Situation dies erfordere.

2. Am 23. April, am gleichen Tage, an dem Präsident Johnson in Washington verkündete, die Vereinigten Staaten würden ihre Aktivität in Südvietnam verstärken, erklärte Ministerpräsident Pompidou in Paris von neuem: "Die beste Lösung für Nord- und Süd-Vietnam ist die garantierte Neutralität."

3. In derselben Rede stellte Pompidou ferner fest, die Situation Formosas sei "abnormal", die politische Zukunft dieser Insel müsse daher durch Selbstbestimmung neu geregelt werden. Er wies darauf hin, daß Frankreich an der Konferenz von Kairo (auf der Tschiang Kai-schek 1943 die Insel Formosa versprochen wurde), ja nicht mitgewirkt habe, und daß im japanischen Friedensvertrag von San Franzisko (1951) Formosa wohl von Japan "detachiert", aber niemandem "attackiert" worden sei. Mit anderen Worten, die Herrschaft Tschiang’s sei nur ein Provisorium. Da die Amerikaner seit 15 Jahren auf dem Standpunkt stehen, Formosa sei die einzig legitime Regierung Chinas, ist dieses ein neuer schwerer Affront gegen Washington.