G. Z., Darmstadt

Das „Jahr der großen Toten“ wirkte sich bis in die deutschen Rathäuser aus. Überall in der Bundesrepublik wurden um die Jahreswende Straßenschilder ausgewechselt. So auch in Darmstadt. Bei seiner ersten Sitzung des Jahres, am 2. Januar 1964 beschloß der Magistrat, die Inselstraße von der Heinrichstraße bis zum alten Flugplatz in Theodor-Heuss-Straße und die alte Holzhofallee in Ollenhauer-Allee umzubenennen.

Damit hatte der Herausgeber und Chefredakteur des „Darmstädter Echo“, Hans Johann Reinowski, sein Samstag-Leitartikel-Thema. Nachdem er sich mit Worten der Ehrerbietung gegen den Verdacht abgesichert hatte, das Andenken Verstorbener zu verunglimpfen, kam er schnell zur Sache: Die Art der Auszeichnung sei „historisch gesehen nichts anderes als Blech, als ein billiger Ramsch“. Und er zitierte aus einem Kommentar zum Hessischen Gemeinderecht, wonach bestehende Straßennamen nicht geändert werden sollten. Jede Umbenennung bringe für die verschiedensten Behörden eine erhebliche Verwaltungsarbeit mit sich und sei mit Unzuträglichkeiten und Belastungen für die Einwohner verbunden. Reinowski schloß mit dem Rat an den Darmstädter Magistrat, er solle seinen Beschluß noch einmal überprüfen. „Das ist ein Vorschlag zur Güte.“

Doch der Darmstädter Magistrat ließ sich durch den „Vorschlag zur Güte“, der noch mit dem Hinweis gewürzt war, daß ein freidemokretischer Stadtrat wohl nur deshalb zugestimmt habe, weil eine Hand die andere wasche, nicht von seinem Vorhaben abbringen. Die „Echo“-Leser indes waren alarmiert, und Reinowski räumte ihnen freimütig in seiner Zeitung Platz ein, um ihre Meinung vorzutragen. Für die nächsten Wochen war die „Echo“-Redaktion mit Leserbriefen eingedeckt. Es gab nur ein Thema: die Totenehrung /durch Straßenumbenennung. vielfältig variiert von „Namensänderung auf unsere Kosten“ bis „Wird, die Rheinstraße die ‚Adenauer-Allee?‘ “.

Wenn die Leserstimmen schwiegen, kamen engagierte Befürworter und Gegner der Straßenumbenennungen. zu Wort. Der Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel rechtfertigte die Aktion, setzte sich mit den-juristischen Einwänden auseinander und überließ es der „Beurteilung und Haltung“ der Anlieger, ob ihnen eine Straßenumbenennung „aus ideellen Gründen materiell etwas wert ist“. Der Magistrat habe durchaus bedacht, daß die Firmen und Bürger, die in umbenannten Straßen wohnten, Kosten aufwenden müßten. „Wenn es sich aber um sorgsame Kaufleute und sparsame Hausväter handelt, werden sie sich beispielsweise zunächst mit Stempeln begnügen und erst beim Neudruck der Geschäftspapiere und Briefbogen die neuen Straßennamen eindrucken lassen.“

Der Appell an den Idealismus der Anlieger fand jedoch keine Resonanz. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Dr. Willi Bernalter, schrieb an den Darmstädter Magistrat, die Umbenennung bringe beträchtliche Schädigungen. „Wir nehmen an, daß die Maßnahme unterblieben wäre, wenn die wirtschaftlichen Folgen in ihrem ganzen Umfang bekannt gewesen wären.“ Es wäre zweckmäßiger gewesen, vor der Beschlußfassung mit den maßgeblichen Anliegern Fühlung aufzunehmen, um sich ein Bild über die mit der Adressenänderung verbundenen Unkosten in den einzelnen Unternehmungen zu machen. Nachdem die Auseinandersetzung derartige Formen angenommen hätte, blies die FDP zum Rückzug. Die Fraktion formulierte einen Dringlichkeitsantrag an den Magistrat, er möge die Sache noch einmal verhandeln. Zwar sei eine bleibende Ehrung von Theodor Heuss und Erich Ollenhauer gerechtfertigt und erwünscht, die ausgewählten Straßen würden jedoch der Bedeutung dieser Persönlichkeiten nicht gerecht. Man wünsche die Auswahl repräsentativerer Straßen oder Anlagen. und schlage den neuangelegten Grünzug. zwischen Schloß und Mathildenhöhe und die Anlage vor der Mathildenhöhe vor. Leitartikler Reinowski brauchte sich um Samstagsthemen keine Sorgen mehr zu machen.

Aber auch die Stadtverordnetenversammlung hatte nun ihr großes Thema. In einer dramatischen Sitzung auf der Darmstädter Mathildenhöhe rechnete der SPD-Fraktionsvorsitzende Otto Schmitt mit den Widersachern ab: Die SPD werde dafür sorgen „daß auch den Mächtigsten und Reichsten in Darmstadt keine Sonderrechte eingeräumt werden“. Und nicht weniger deutlich wurde sein SPD-Kollege, Professor Wilhelm Strahringer, der über die Pressereaktion zur Straßenumbenennung sorgfältig Buch geführt hatte. Er wußte zu berichten, daß sich das „Darmstädter Tagblatt“ kaum an dem Streit beteiligt habe – ganz im Gegensatz zum „Darmstädter Echo“. Ihm war auch aufgefallen, daß sich die Leserproteste im „Darmstädter Echo“ ausschließlich gegen die „Ollenhauer-Allee“ wendeten, während die „Heuss-Straße“ ungeschoren blieb. Er habe den Eindruck, „daß gewisse Leute ihren Anti-SPD-Komplex abreagieren wollten“.