„Die Tote von Beverly Hills“ (Bundesrepublik; Verleih: Constantin): Es fällt schwer, sich vorzustellen, was den dreißigjährigen Regisseur Michael Pfleghar und seinen noch jüngeren Produzenten Jürgen Pohland gereizt haben kann, gerade Curt Goetzens Stück auf die Leinwand zu bringen. Auch der Film – er wird die Bundesrepublik in Cannes vertreten – gibt über die Motive dieser Stoffwahl nur spärliche Auskunft. Die Besetzung der Hauptrolle scheint jedenfalls ein völliges Desinteresse gegenüber den sexualpsychologischen Implikationen zu beweisen, um die es dem gut sechzigjährigen Autor ging: Heidelinde Weis legt Charme, Selbstironie und Talent an den Tag, nur eben nicht den Lolita-Appeal, der ihr vom Drehbuch unterstellt wird.

Doch tut solche Inkongruenz zwischen Stoff und Adaption dem Reiz des Ganzen kaum Abbruch. Gerade aus seinen Verdrehtheiten und Widersinnigkeiten zieht der Film seine hübschesten Effekte. Da landet die Heldin, um auf dem Lande Ferien zu machen, mit der Düsenmaschine der KLM gleich neben dem Stoppelacker am Dorfrand. Als sie, wiederum im Flugzeug, zu ehelichen sich entschließt, trägt sie ebendort sogleich auch schon den Brautschleier, ohne daß man erführe, woher sie ihn hat; im nächsten Bild schreitet sie, immer noch als Braut gewandet, durch die Wüste, wo ihr Mann nach Antiquitäten gräbt. Bei einer Hollywood-Party stehen die festlich gekleideten Gäste im swimming-pool; ein Opernsänger residiert in einem Schloß, das man – so groß ist der Park – nur auf dem Tandem erreicht; und ein Detektiv hat sein „Büro“ in einem halbfertigen Neubau, in den man über den Lastenaufzug an der Außenwand gelangt. Wer die Fernsehshows gesehen hat, die Pfleghar bisher inszenierte, den werden diese Scherze weniger überraschen als die Disziplin, der er sie und sich unterworfen hat: Sie machen sich niemals – oder doch nur zuweilen – selbständig, sondern bringen die Geschichte gerade nur so weit aus der Balance, daß sie gleich wieder ins Lot kommt – bis zum nächsten listigen Attentat!

Von allen Hervorbringungen unserer bescheidenen Neuen Welle ist dieses ihr ungezogenstes Kind, zugleich dasjenige, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Ein starker Rest von Skepsis bleibt freilich. Noch entspricht der artifiziellen Erfindung der Einzelheiten nichts in der Konzeption des Ganzen. An Ideen mangelt es Pfleghar und den Seinen nicht; was ihnen aber fehlt, ist eine Idee. E. P.

„Die unschuldigen Zauberer“ (Polen; Verleih: Atlas): Andrzej Wajdas Film, im Oktober vorigen Jahres schon im Zweiten Fernsehen aufgeführt, jetzt in deutschen Kinos gezeigt, ist mit anderen Filmen desselben Regisseurs (vor allem „Asche und Diamant“) verglichen und mit Naserümpfen quittiert worden. Unter anderem sind der „Mangel an Substanz“ und die individuelle Dimension getadelt worden. Die allgemeinen Bedingungen des polnischen Lebens seien bei dieser 1960 gedrehten Liebesgeschichte nur am Rande erkennbar. Der Vergleich mit Wajdas Höchstleistungen verführt zu Ungerechtigkeiten. Konfrontiert man die „Zauberer“ zum Beispiel mit dem Bühnenstück „Ich liebe dich“ von Wajdas Landsmann Niewiarowicz, mit einem Stück gängiger Allerwelts-Sentimentalität, so gewinnt der Film aus dem Kontrast. Nicht der in irgendeiner Sequenz im Hintergrund auftauchende stalinistische Kulturpalast und anderes aus dem Warschauer Nachkriegsleben geben dem Film seine eigentliche Farbe, sondern die handelnden Personen in der schäbigen Behausung eines jungen Sportarztes: ihre Leere und Verlorenheit, der zärtliche Zynismus, mit dem sie sich anfangs voreinander schützen und den sie überwinden. Das ist von westlichen Filmen (zum Beispiel „La Notte“) nicht gar so weit entfernt. Es gelingt hier, einen Dialog von zirka 40 Minuten, einen vorbildlich knappen, filmischen Dialog, lebendig zu halten: wieder einmal gegen die konventionellen Gesetze der Filmdramaturgie, die auf Variabilität der Orte und Kamerastandpunkte verweisen (Buch: Andrzejewski und Skolimowski). Das Mädchen, das sich Pelagia nennt, wird von Krystyna Stypulkowska gespielt. Sie ist, ohne eine Beauté zu sein, zuweilen, en face, unwiderstehlich. Sie hat (dann) französischen Charme, ein Renoir wäre, wer könnte daran zweifeln, bei ihrem Anblick in Flammen geraten und hätte seinen bezaubernden Frauenbildnissen ein weiteres hinzugefügt. Auch Wajda, der, bevor er zum Film ging, an der Krakauer Kunstakademie Malerei studierte, muß von Krystyna fasziniert gewesen sein, so gut hätte er sie sonst nicht „ins Bild setzen“ können: Der Kameramann allein macht es nicht. R. D.