Hamburg

Seit vierundvierzig Jahren beansprucht eine Frau, die jetzt Anna Anderson heißt, daß man sie als die jüngste Tochter des letzten russischen Zaren, als die Großfürstin Anastasia, anerkenne. Vor dem Zweiten Zivilsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts begann in Hamburg ein neues Kapitel des Falles: Die Berufungsverhandlung gegen das Urteil des Landgerichts Hamburg aus dem Jahre 1961.

Die Träume von Fürstinnen und Mord, Juwelen, Revolution und Armut bekommen neue Nahrung. Es scheint, als würde nicht nur die alte Suppe wieder aufgewärmt. Beide Parteien haben sich bemüht, neue Zutaten heranzuschaffen. So sollen sich auf der Suche nach der verlorenen Kaiserzeit zum Beispiel neun Schulhefte gefunden haben – angeblich durch Diebstahl aus einem Museum –, in denen die Zarenkinder von 1913 bis 1916 Stil- und Schreibübungen gemacht haben sollen. Sie hätten diese Hefte also zuletzt zwei Jahre vor dem Mord an der Zarenfamilie benutzt – dem Mord, den die jüngste Tochter überlebte, falls die in Unterlengenhardt im Schwarzwald lebende Anna Anderson wirklich Anastasia ist.

Bekanntlich behauptet Frau Anderson, ein polnischer Soldat namens Tschaikowski habe sie aus dem Keller von Jekaterinenburg gerettet und sie, die verwundet und halb bewußtlos gewesen sei, auf einem Bauernwagen den weiten Weg nach Rumänien gebracht. Lebensmittel habe man auf dieser Flucht für Juwelen eingetauscht, die in Anastasias Kleider eingenäht waren.

Es gibt nüchterne Betrachter dieser Geschichte vom schlichten Manne, der das Fürstenkind in Sicherheit brachte, die meinen, dieser Pole habe unmöglich einen so törichten Fluchtweg wählen können. Sie bezweifeln – vielleicht, weil sie schließen, wer gut und edel müsse auch klug sein – aus diesem Grunde, daß es den guten Tschaikowski gegeben hat. Aber man ist nicht auf diese eine Unwahrscheinlichkeit angewiesen. Zweifler können sich an manches andere halten, besonders an das einmal gar nicht vorhandene, dann mäßig produzierte Russisch der Klägerin.

Aus der bolschewistischen Frühgeschichte gibt es noch Zeugen, die Anastasia gekannt haben. Jedoch: Einige von ihnen erkennen sie in Anna Anderson nicht, andere erkennen sie mit Sicherheit wieder. Unter denen, die nicht den geringsten Zweifel haben, ist vielleicht mancher, der sieht, was sein Herz hofft.

Anna Anderson selbst – möglicherweise eine mit starker Einbildungskraft Begabte – muß, wenn sie nicht die historische Anastasia ist, darum keine Schwindlerin sein. Ein polnisches Bauernmädchen – zum Beispiel –, das nach der russischen Revolution die Gerüchte von einer überlebenden Zarentochter hörte, das sich in Träumen und Tagträumen mit dem Leben der ermordeten Hochgestellten beschäftigte, könnte sich sehr wohl schließlich mit der in Phantasien immer wieder umkreisten Zarentochter identifiziert haben. Unterstützt haben könnte sie darin eine gewisse Ähnlichkeit, die wirklich da sein muß.