Von Sigismund v. Radecki

Dem Tier genügt, daß es lebt, der Mensch aber will dazu auch noch Zeitung lesen. Er hält „Glück“ für das ihm gebührende Seelenklima und betrachtet darum alle Unglücke als Ausnahmen, von denen er laut klagend Kunde gibt.

So kommt es, daß die Zeitungen hauptsächlich von Unglücken aus aller Welt berichten. Diese dringen via Morgenkaffee ins Gehirn und erzeugen bei sensitiveren Menschen eine Melancholie darüber, daß sie das Schicksal auf einem so widerlichen Planeten abgesetzt hat. Der Dickhäuter jedoch stumpft durch die tägliche Dosis Unglück völlig ab dagegen und liest das (solang’ es ihn nicht persönlich angeht) flüchtig und ungerührt herunter. Er verhält sich dazu wie der Mediziner zur Leiche: Man gewöhnt sich daran.

Bemerkenswert ist, daß sich die Art der Unglücke so ziemlich gleichbleibt. Eine Milliarde Roulette-Resultate ergibt ja gleichfalls feste Gesetzlichkeiten. Darum stelle ich hier eine Liste der sieben Normalunglücke zusammen.

  • Revolution in Südamerika
  • Flugzeug platzt in der Luft
  • Hochzeitsgesellschaft in Neapel stirbt an Nahrungsmittelvergiftung
  • Autobus stürzt in eine Schlucht der Anden
  • Fährschiff in Hinterindien versinkt mit 128 Personen
  • Die Verkehrstoten des Sonntags
  • Banküberfall in USA

Natürlich wird vielen in der Auswahl etwas fehlen, weil ja jeder seine Vorlieben hat. Wo bleibt, werden sie rufen, der Taifun „Irma“, wo die Erdbeben, die Defraudationen, die Hungersnöte, die Überschwemmungen? Darum verlangen meine sieben Normalnachrichten trotz aller Filtrierung jede einen kleinen Kommentar.

Revolution in Südamerika besteht darin, daß eine Clique oder „Junta“ die andere stürzt. Der abgesetzte Präsident flieht auf stets bereitgehaltenem Flugzeug in jenes Ausland, wo er vorsorglich Geldmengen deponiert hat. An der Lage der Arbeiter und Armen ändert sich nichts, obwohl sie Hurra schreien.