Von Peter Stähle

Wann immer Bundeskanzler Ludwig Erhard in den letzten Monaten an seinem Schreibtisch im Palais Schaumburg saß – sein Vorgänger Konrad Adenauer blickte ihm über die Schulter. Auf einer Konsole an der Wand hinter Erhard stand ein Photo seines Vorgängers, das dieser dem damaligen Wirtschaftsminister zum 60. Geburtstag gewidmet hatte: „Meinem treuen Mitarbeiter in Freundschaft, 4. Februar 1957, Konrad Adenauer.“ Adenauers Bild wurde mittlerweile – zumindest vorläufig – entfernt.

Der Weg in Ludwig Erhards Amtszimmer führt durch ein Vor- und zwei Besuchszimmer. Zu- und Ausgänge liegen so günstig, daß Gäste, die einander nicht sehen sollen, sich auch nicht begegnen müssen und glauben dürfen, als einzige Besucher auf Einlaß beim Bundeskanzler zu warten. Die Steuerung der Besucher hat ein weibliches Trio übernommen, dessen Raum „Drachenburg“ getauft wurde, obwohl es sich um charmante Türhüterinnen handelt: Ella Muhr ist schon seit rund 30 Jahren Sekretärin von Professor Erhard und Freundin der Familie; Ilse Wilhelm war lange Jahre rechte Hand des Pressereferenten Dr. Hohmann im Wirtschaftsministerium, der als Kanzlei-Chef ins Palais Schaumburg mitkam, Frau Wilhelm aber dem Kanzler abtreten mußte; und schließlich Fräulein Schattenberg, jüngste im Bunde und nebenbei Sekretärin von Frau Luise Erhard.

Die drei Kanzler-Damen sorgen für das leibliche Wohl des Kanzlers und für einen flüssigen Geschäftsgang, sie wachen auch über den mächtigen Stahltresor mit den geheimen Staatsdokumenten, der in ihrem Vorzimmer steht. Frau Muhr und Frau Wilhelm wurden Schlüssel und Öffnungskombination anvertraut; Ludwig Erhard selbst beherrscht das technische „Sesamöffne-Dich“ nicht.

Auch den Abfall geheimen Papiers beseitigen die Sekretärinnen des neuen Palais-Herrn. Dem Stahlschrank gegenüber steht ein „Zerreißwolf“, ein elektrisches Gerät, das überflüssige Verschlußsachen und andere Schriftstücke des Kanzler-Büros schluckt. Fein geraspelt, als hauchdünne geringelte Papierschlangen, fallen die Dokumente hinten in einen Abfallkasten. Kein noch so gewitzter Agent könnte die Stöße von Ringelpapierchen je wieder zusammenfügen, die der „Wolf“ ausgespien hat.

Drei Polsterstühle und drei Gemälde bilden das wesentliche Mobiliar des kleineren Besuchszimmers; sieben Sessel, ein Sofa und drei weitere Prachtschinken schmücken den großen Warteraum. Im ersten Zimmer zieht ein Schrein aus dunkelrotem Leder die Blicke auf sich; wird er – wie ein kostbarer Altar – geöffnet, dann gibt er das Wahrzeichen Roms frei: die Wölfin, Romulus und Remus säugend. Die Plastik ist ein Geschenk der italienischen Regierung. Eines der drei großen Ölgemälde im zweiten Raum, das Stillleben eines Holländers, ist Erhards persönlicher Besitz. Die anderen Bilder, die Uhren und die wertvollen Gobelins, mit denen das Kanzleramt ausgestattet ist, sind Leihgaben von Museen und aus privater Hand.

Des Kanzlers Arbeitszimmer ist eher ein Saal, etwa 100 Quadratmeter groß, zur Rheinseite gelegen. Nach langem Fußmarsch über etwas zerschundenes Parkett und zwei kostbare Perserteppiche (die Jagdmotive des einen Teppichs liebt der Kanzler besonders), vorbei an einer Garnitur von vier altertümlich anmutenden Sesseln (mit hölzernen Armlehnen) und einem Sofa kommt der Besucher schließlich zum Schreibtisch Erhards.