Von Josef Müller-Marein

Wenn Ende 1965 das Septenat de Gaulles zu Ende geht und das Volk zu den Wahlurnen eilt, dann werden vermutlich auch die nächsten sieben Jahre der französischen Geschichte unter der Präsidentschaft des Generals stehen, vorausgesetzt, daß er will (und warum sollte er nicht wollen?), vorausgesetzt auch, daß er wieder vollauf zu Kräften kommt. Vorausgesetzt“, so pflegt er selber zu sagen, „daß Gott es mir erlaubt!“)

Und hätte denn Gaston Defferre, der Bürgermeister von Marseille, keine Chance? Ihm ist es doch immerhin gelungen, die Unterstützung aller Sozialisten und darüber hinaus die Sympathie vieler Bürger zu gewinnen, die mit de Gaulles Europa-Politik nicht einverstanden sind. Warum sollte der Stern Defferres nicht weiter steigen? Die Antwort heißt: Weil ein anderer Bewerber um das Amt des Präsidenten aufgetaucht ist, ein Mann, vor dem die meisten Menschen in Frankreich Angst haben: Tixier-Vignancour, der Wortführer der Rechtsradikalen. Und diese Angst ist groß genug, daß man von den Chancen, die Defferre besitzt und in steigendem Maße gewinnen wird, schließlich die sicherlich ebenfalls steigenden Erfolgsaussichten des Herrn Tixier-Vignancour abziehen muß. Käme es soweit, daß schließlich das Volk entscheiden müßte zwischen dem wilden Antisemiten, dem OAS-Wortführer Tixier-Vignancour und dem vorbildlichen Demokraten Defferre, der jedoch im Laufe dramatischer Geschichte nicht genug gehärtet erscheint, so würde es den „dritten Weg“ gehen: den bewährten Weg zum kampferprobten, wenn auch oft unleidlichen General de Gaulle.

Wie ein Kampfstier ist Maître Jean-Louis Tixier-Vignancour, der 56jährige Pariser Rechtsanwalt, soeben in die Arena gesprungen, weil er im ersten Anlauf den Vorsprung einholen will, den Defferre vor ihm hat. Hier der äußere Rahmen: Paris, fünfter Bezirk, „Lateinisches Viertel“. Saal der Mutualité. Viertausend Menschen dichtgedrängt, und in Korridoren, Treppenhäusern sowie einem Nebensaal, wo eine lokale Fernseh-Übertragung eingerichtet wurde, noch einmal zwei- bis dreitausend Leute. Auf dem Podium die Chefs der Rechtsradikalen. Im Hintergrund ein Bild des untersetzten Mannes mit dem graumelierten Haarschopf, ein riesiges Lichtbild des berühmten Redners und Demagogen, der Frankreichs Führer sein möchte.

Wie Dr. Goebbels unseligen Angedenkens, so nimmt Tixier-Vignancour seine Gegner an. Er hat mehr Eisen in der Stimme als jener. Aber er verfügt über die gleiche Kunst, verächtliche Witzchen, rüde Anpöbelei, kleine und große Lügen, falsches Pathos und billige Verdächtigungen zu mischen – wie dies offenbar der Trick aller Rechtsradikalen in der ganzen Welt ist. Wenn er beispielsweise de Gaulle „die Maske vom Gesicht reißt“, so klingt das so: „De Gaulle? Ein Zivilist in Generalsuniform! Beweis: Er hat sich nicht, wie Weygand und Juin, im Militärhospital Valde-Grâce operieren lassen. Seine Chirurgen arbeiten auch nicht für Krankenkassen. Und das muß aufhören: daß es eine Medizin für die Armen und eine Medizin für Auserwählte gibt!“

So gebrüllt, und der Führer der „Nationalen Opposition“ hat mit einem Schlage viele Nägel – oder Vernagelte – auf den Kopf getroffen! Über Pompidou findet er ein nichts- und aussagendes „Bonmot“ im Zusammenhang mit den Fragen der Wirtschaft, von der Tixier-Vignancour wenig Ahnung hat: „Defferre will die Rothschild-Bank verstaatlichen, ich nicht. Ich bin für freies Unternehmertum. Aber wenn ich an der Macht bin, werde ich niemals einen Rothschild-Angestellten als Premierminister engagieren.“ – Nein, das würde keiner seiner Zuhörer tun.

Aber wie bringt er es nun fertig, einem Defferre, dessen Ehrlichkeit allgemein gerühmt wird, am Zeug zu flicken? Das macht er im Shakespeare-Ton des „Brutus ist ein ehrenhafter Mann!“ – „O ja, er ist ein ehrenhafter Kandidat! Aber 1958 hat er seine Wähler aufgefordert, für de Gaulle zu stimmen, hat ihn vier Jahre lang unterstützt: just die Zeit, die der General brauchte, um das französische Algerien zu verlieren. In diesem Moment hätte Defferre ein gaullistisches ‚Tedeum‘ singen sollen. Aber er, nein: er warf die Zitrone weg, nachdem er sie ausgequetscht hatte!“ – Zitrone de Gaulle – ein „feines“ Wort!