Von Thilo Koch

Santa Fé, New Mexico, Ende April

In Tesuque leben 205 Pueblo-Indianer. Es ist eine Gruppe kulturverwandter nordamerikanischer Stämme, zu denen die Keres, Acoma, Dorf) Zuñi und Hopi gehören. Pueblo (spanisch Dorf) heißen hier auch ihre Siedlungen. Der Pueblo Tesuque ist guter Durchschnitt. Es geht den Leuten nicht ganz so schlecht, wie die Statistiker des Präsidenten in Washington ausrechnen; es geht ihnen aber auch keineswegs glänzend. In Zahlen läßt sich das schwer ausdrücken. Was bedeutet hier in den Rocky Mountains ein Dollar? Was heißt das: die indianische Durchschnittsfamilie muß mit weniger als 1500 Dollar im Jahr auskommen? Der kleine indianische Farmer Pino hier in Tesuque, dem ich in der Küche am Kamin gegenübersaß, sagte mir, er habe mit seiner Familie weniger als 500 Dollar im Jahr zur Verfügung. Er verkauft etwas Milch und Heu. Dafür holt er in Santa Fé Fleisch, kauft billige Gummistiefel und Jeans, eine blaue Baseballmütze, die er auch im Haus nicht absetzt. Aber er hat etwas Vieh und Fernsehen und Kühlschrank, und in den zwei Räumen sieht es blitzsauber aus. Pino hat keine Erziehung genossen, aber seine Kinder gehen in eine von Washington finanzierte Schule. Diese Familie hungert nicht, friert nicht, zählt aber doch statistisch zu den Armen und Ärmsten der amerikanischen Bürger, denen die Johnson-Regierung energisch zu helfen verspricht. Die Armut der Indianer ist freilich ein Sonderfall. Die US-Indianer überhaupt sind ein Sonderfall – und ein höchst interessanter.

Mit dem Wagen fährt man eine gute halbe Stunde von der Stadt Santa Fé aus auf exzellenten Straßen ins Reservationsgebiet und befindet sich plötzlich inmitten einer geschichtslosen Urlandschaft: Stille, tiefe Stille zwischen den gelbroten Felsengebirgen. Ein Pferd steht unbeweglich auf seiner spärlichen Koppel hinter den braungrauen Bauten aus Adobe-Steinen, die aus Lehm und Stroh gefertigt werden. Hinter dem Dorf ein Tafelberg, auf den sich die Vorfahren dieser 205 Tesuque-Indianer vor 300 Jahren flüchteten, als die Spanier aus Mexiko heraufkamen und das Dorf zerstörten. Es könnte heute gewesen sein. Der weite graue Himmel, dieser stetige Wind über dem gelben Stoppelgras und den Schneeflecken, die zeitlose Weite und Stille – Geschichte, Menschengeschichte erscheint hier plötzlich als ein sehr flüchtiges Oberflächenereignis für die große, leere Erde.

Nur ein paar Schritte, und die kleine, enge Gegenwart lugt überall aus niedrigen Türen der Hütten hervor. Blauer Rauch steigt auf – er riecht sehr würzig nach Pinienharz. Pino holt das Holz selber aus den Bergen, wo es genügend umgefallene Stämme gibt. An den Wänden hängen zahlreiche billige Drucke, Heiligenbilder, eine Mutter Maria mit Rosenkranz. So ähnlich sieht es in den Hütten mexikanischer Indios auch aus. Pino und seine Familie, ganz Tesuque ist katholisch. Die Pueblo-Indianer – es gibt 19 Siedlungen auf dem Territorium der USA – wurden schon früh von den Spaniern christianisiert. Die Spuren Manitus, des großen Geistes, sind verflogen. Die Indianerromantik, die der erfolgreichste Schriftsteller der deutschen Literatur so dramatisch um die Heroengestalten Winnetous und Old Shatterhands gruppierte, waren wohl immer Legende. Dennoch hat sie noch heute ihre Rätsel und Abgründe, die „Story“ der US-Indianer. Eine grausame Vergangenheit liegt noch gar nicht so lange zurück, in der die „Rothäute“ wie Freiwild abgeknallt oder auf Todesmärschen in Reservationen getrieben wurden, die selbst ihnen keinen Lebensunterhalt boten. Ein gut Stück unbewältigter Geschichte ist dies; es spukt noch immer lebhaft in der Seele des „weißen Mannes“, des US-Amerikaners. Aber es gibt unter ihnen nicht wenige, die Indianer unter ihren Vorfahren haben und fast so stolz darauf sind wie die Bostoner Familien auf ihre Mayflower-Herkunft.

Pino, das ist ein spanischer Name, und Spanisch ist auch heute für viele Pueblo-Indianer die zweite Muttersprache – neben der eigenen indianischen, die hier zum Beispiel „Tewa“ heißt. Englisch natürlich wird heute in den Schulen gelehrt. Die nachwachsende Generation kennt kaum noch spanische Wörter. Neu-Mexiko gehörte als mexikanische Provinz jahrhundertelang zum hispano-amerikanischen Bereich und wurde 1849 US-amerikanisches Territorium. Santa Fé war die alte Hauptstadt. Noch heute liegt ein Abglanz aus der spanisch-indianischen Epoche über dieser vom Pueblo-Baustil geprägten Siedlung, 2000 Meter hoch im Herzen Neu-Mexikos und der Pueblo-Reservationen.

Ich lerne den Häuptling – er wird „Governor“ genannt – einer anderen Pueblo-Siedlung kennen. Sein Name: Sanchez; der Name des Pueblos: San Ildefonso. Mr. Sanchez trägt lange, dünne Zöpfchen, eingeflochten in grüne und rote Bänder. Er sieht eindrucksvoll aus und weise. Über dem Kamin seines Wohnzimmers hängen zwei Stöcke. Er zeigt sie mir mit Würde und Stolz. Der schwarze Stock hat einen silbernen Knauf. Eingraviert ist „A. Lincoln a San Ildefonso 1863“. Governor Sanchez erklärt mir, daß Präsident Lincoln den Häuptlingen der Pueblos diese Stöcke schickte zum Zeichen dafür, daß die Vereinigten Staaten die Verträge respektierten, die die Spanier um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert mit den Pueblo-Indianern schlossen. Diese Verträge wurden durch braune Stöcke manifestiert, die die Häuptlinge von Gesandten der spanischen Krone erhielten. Der Handel zwischen Kolonialmacht und Eingeborenen war einfach: Ihr bleibt in eurem Gebiet; wir tun euch nichts, wenn ihr euch unterwerft. Da ist es bereits, das Prinzip der Reservationen. Den Pueblo-Indianern fiel es leichter als anderen Stämmen, darauf einzugehen, weil sie von jeher seßhafte, friedfertige Ackerbauern und Viehzüchter waren. Sowohl Spanien wie später Mexiko und noch später die USA billigten, den Pueblos sogar die eigene Gerichtsbarkeit zu. Noch heute werden nur Gewaltverbrechen von Bundesbehörden der Vereinigten Staaten innerhalb der Reservationen verfolgt. Alle Vergehen regelt die Gemeinschaft der Pueblos unter sich.