J. Sch., Washington, im April

Mit der wachsenden Neigung Frankreichs, sich aus den integrierten Kommandostellen der NATO zurückzuziehen und die militärische Planung des Bündnisses zu blockieren, nimmt das Interesse der Vereinigten Staaten an allen Projekten, die den Zusammenhalt der Allianz auf neuen Ebenen wiederherstellen oder festigen könnten, zu. Gegenwärtig zeigt sich das besonders an der Unterstützung, die nun auch Präsident Johnson dem Plan für eine multilaterale Atomstreitmacht aus Überwasserschiffen (MLF) geben will. Dieses Konzept wurde bereits von den acht an den Vorarbeiten beteiligten Ländern als militärisch brauchbar gutgeheißen. Und seit dem Januar sind die Diplomaten im NATO-Rat an der Arbeit, um einen Vertragsentwurf vorlegen zu können, sobald die politischen Voraussetzungen gegeben sind.

Johnson meinte ursprünglich, das Projekt sei militärisch wenig sinnvoll und politisch nur von fragwürdigem Wert; seinen Sinneswandel dokumentierte er nun mit der Absicht, den Sonderberater im State Department Gerard C. Smith zum „Chefplaner“ für die Verwirklichung dieses Vorhabens zu ernennen. Auch außerhalb der Regierungssphäre, wenn auch in ihrer Nähe, wächst das Zutrauen zu diesem Vorhaben. So hat der NATO-Experte im Washingtoner Forschungszentrum für Außenpolitik, Professor Robert E. Osgood, in einer soeben veröffentlichten Studie den Vorteilen der MLF das Wort geredet.

Diese Entwicklung ist aus mehreren Gründen beachtenswert. Die multilaterale Streitmacht, die aus 25 Überwasserschiffen, bestückt mit je acht Polaris-Raketen mit einer Reichweite von rund viertausend Kilometer und bemannt mit gemischten Besatzungen aus jeweils drei der teilnehmenden Nationen bestehen soll, könnte spätestens fünf Jahre nach der Annahme des Planes operationsfähig sein. Die MLF wäre daher in einem Augenblick vorhanden, an dem der NATO-Vertrag ausläuft und jedem seiner fünfzehn Mitglieder der Austritt aus dem Bündnis offen stünde – ein Termin, bis zu dem ohnehin über eine Revision der Allianzstruktur Klarheit geschaffen werden muß.

In den USA wächst mittlerweile die Überzeugung, daß sich auch Großbritannien nach den Wahlen für das Projekt entscheiden wird, weil eine Labour- Regierung den Verzicht auf eine nukleare Autonomie Großbritanniens durch einen solchen Beitritt kaschieren, eine konservative Legierung mit einem Beitritt zumindest den Anschein dieser Autonomie aufrechterhalten könnte.

Die Beteiligung der Bundesrepublik bleibt nach wie vor einer der Schlüssel zur MLF. Bonn will sich mit rund 35 Prozent an den Kosten beteiligen, das ist ebensoviel wie die USA zahlen wollen. Insgesamt wird die MLF 19,2 Milliarden Mark und rund 640 Millionen Mark jährlich an Unterhaltung kosten.

Kommt es zu dieser Streitmacht, dann hat sich Bonn endgültig für die amerikanische und gegen die französische Nuklearkonzeption entschieden. Um so unverständlicher ist es daher, daß die Personalabteilung des Auswärtigen Amtes der deutschen NATO-Botschaft in Paris, deren Arbeitsanfall sich durch die Vorplanungen für die MLF um hundert Prozent vermehrt hat, bisher keinen einzigen zusätzlichen Referenten bewilligt hat.