Alfred Kantorowicz ist in seinem Leben schon mehr als einmal geflohen – in Deutschland und aus Deutschland. Seine letzte Flucht aber, die aus der DDR in die Bundesrepublik, hat ihn nicht zum Flüchtling gemacht, jedenfalls nicht offiziell.

Daß dem Professor Kantorowicz der Status des „Sowjetzonenflüchtlings“ nicht zuerkannt werden könne, dies hat nunmehr der Sechste Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichts in einer, wie es heißt, endgültigen Entscheidung festgelegt. Damit wurde der Spruch des Münchener Verwaltungsgerichtes vom November 1961, gegen den Kantorowicz Berufung eingelegt hatte, bestätigt.

Die schriftliche Begründung dieser Entscheidung liegt noch nicht vor. Sollten sich die Münchener Richter bei ihrer Rechtsfindung an das erste Urteil angelehnt haben, so wäre das fatal. Denn die Begründung jenes Urteils von 1961 kann wirklich nur als absurd bezeichnet werden. Darin wurde nämlich – auf eine Formel gebracht – Alfred Kantorowicz vorgehalten, er sei erstens „drüben“ nicht bedroht gewesen, weil er ja noch habe fliehen können. Zweitens habe er sich als Wissenschaftler, der von niemandem gezwungen worden sei, ein so bedeutendes Hochschulamt anzunehmen, seinen Gewissenskonflikt selber zuzuschreiben. Und drittens habe er dem Zonenregime einfach durch sein „Mitmachen“ Vorschub geleistet – sein Widerstand gegen die Ulbricht-Herrschaft sei für diesen Tatbestand belanglos.

Wir sind sehr gespannt darauf zu erfahren, welcher Argumente sich das Bayerische Verwaltungsgericht diesmal bedienen wird. Sobald die Urteilsbegründung vorliegt, werden wir sie unter die Lupe nehmen. H. G.