L. F., Schorndorf/Württemberg.

Die Weiber von Weinsberg sind mit Recht hochgerühmt. Woran ihr Herz am meisten hing, das durften sie mitnehmen, als ihre belagerte Stadt sich vor ein paar hundert Jahren feindlicher Übermacht beugen mußte. So trugen sie denn allesamt ihre Ehemänner huckepack zum Tor hinaus. Nicht ganz so berühmt, obgleich in einem Bühnenstück überliefert, ist die Geschichte der Weiber von Schorndorf. Ihr Städtchen, unweit von Stuttgart ebenfalls in Württemberg gelegen, befand sich in ähnlicher Kalamität wie Weinsberg. Die Bürgersfrauen von Schorndorf schleppten sich indessen nicht mit ihren Ehemännern ab. Vielmehr zwangen sie die müden Kämpen unter fürchterlichen Drohungen zum Ausharren vor dem Feind. Sie halfen ihnen sogar bei der Verteidigung der Stadt, bis die Belagerer unverrichteter Dinge abzogen. So wurde Schorndorf gerettet.

Trotz dieser Heldentat haben die Weiber von Schorndorf ihren Weinsberger Schwestern den größeren Ruhm nie verargt. Böse wurden sie erst, als das Denkmal, ihrer eigenen Wehrhaftigkeit dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel und die Männer beharrlich Ersatz verweigerten. Da bewiesen die Weiber von Schorndorf, daß sie noch genauso streitbar sind wie ihre Ahnschwestern vor 275 Jahren.

Damals, am 7. Dezember 1688, passierte die Geschichte, auf die sie so stolz sind. General Melac und sein Franzosenheer belagerten die Stadt. Es sah ziemlich trüb aus für die Schorndorfer. Gedrängt von zwei herzoglich-württembergischen Emissären aus Stuttgart, war der Rat der Stadt drauf und dran, sich den gefürchteten Franzosen zu ergeben. Im Ratssaal fand die Übergabeverhandlung statt. Das war der große Augenblick der Weiber von Schorndorf. Die streitbare Bürgermeisterin Anna Barbara Künkelin verbarg sich mit den getreuesten Frauen im unbenutzten Kamin des Ratssaals und belauschte die Verhandlung. Währenddessen war, wie die Chronik belichtet, draußen „bald das ganze Weibervolk versammelt; mit allerlei Kuchel- und Stallgewehr, Heu- und Ofengabeln, Hackmessern, Besenstielen, lächeln, alten Partisanen und Hellebarden bewaffnet“. Unversehens drangen sie wie eine wilde Meute in den Saal und nahmen jedem Ratsherrn unter Androhung des Todes das Gelöbnis ab, die Stadt nach Kräften weiter zu verteidigen.

Den so bedrängten Männern blieb nichts übrig, als sich der Übermacht der Frauen zu fügen. Schorndorfs Bürgerinnen verstärkten die Stadtvälle. Schließlich wurde es dem General Melac zu dumm, und er zog mit seinen Soldaten davon. Den vackeren Weibern aber wurde ein Denkmal gesetzt. An der Nordwand des Rathauses prangte in bunten Bildern ihre ruhmreiche Tat. Dräuend präsentierten sich darauf die mit vielerlei Gewehr und Waffen gerüsteten Frauen, den Magistrat zum Ausharren gegen die Franzosen zwingend. Und als das Fresko verblaßte, wurde es durch ein neues ersetzt.

Doch auch das neue Bild begann abzubröckeln und wurde 1957 ganz entfernt. Nur dachte diesmal der Rat nicht an eine Erneuerung. Über solche Ungerechtigkeit verbittert, scharten sich die Frauen von Schorndorf wie einst um eine Anführerin. Was ihren Urahnen die Bürgermeisterin Künkelin, das war ihnen die Stadträtin Anneliese Hahn Sie wurde nicht müde, ein neues„Weiberbild“ zu verlangen. Doch sie stieß nur auf taube Ohren. Das sei zu teuer, meinten die männlichen Ratsherren. Und so nebenbei verlautete auch, sie hätten gar keine Lust, die Erinnerung an jene Niederlage gegen die Frauen aufzufrischen.

Da fügte es ein gütiges Geschick, daß Schorndorfs Heimatforscher und Stadtarchivar Immanuel Carl Rösler ein paar wichtige historische Erkenntnisse gewann: Die Ratsherren, so fand er heraus, hätten dazumal das Eingreifen der Weiber gar nicht ungern gesehen. Ganz im Gegenteil habe sogar geheimes Einverständnis mit dem Stadtkommandanten Krummharr geherrscht. Das ganze sei eine Weiberlist gewesen, um gegenüber den herzoglichen Vermittlern aus Stuttgart eine Ausrede dafür zu haben, daß man die Stadt beim besten Willen nicht übergeben könne. Was hätte man denn tun sollen gegen den starken Willen der Weiber? Die Geschichte mit der Bürgermeisterin im Kamin sei schließlich später freiweg erfunden. Nein, so feige waren die Männer von Schorndorf nicht, daß sie sich Todesdrohungen gebeugt hätten.