Von Uwe Nettelbeck

Mit der rechtsradikalen John-Birch-Society hat er nicht nur den Vornamen gemeinsam: John Wayne, der eigentlich stabgereimt Marion Michael Morrison heißt und 1907 in Winterset, Iowa, geboren wurde. Er debütierte 1930 in einem Film von Raoul Walsh, entdeckt aber wurde er von John Ford für „Stagecoach“.

Enno Patalas schreibt in seiner „Sozialgeschichte der Stars“ über Wayne nur: „Vermöge derselben Eigenschaften wie Gary Cooper und James Stewart, die ebenfalls beim Western gastierten – der letztere in Filmen Fords auch als Gegenspieler Waynes –, einer linkischen Grazie und einer immer leicht verlegen wirkenden Physiognomie, läßt Wayne seine Helden menschlicher erscheinen als die durchschnittlichen Westernfiguren.“

Der Hüne mit den kleinen Augen, der gesäßlastige und kurzhalsige John Wayne aber ist nicht bloß, wie Patalas meint, ein Mann der Tat (und mit Cooper und Stewart nur schwer zu vergleichen). Denn seine Taten sind dubios, zumal dann, wenn er sie in eigener Regie unternimmt, und Grazie fehlt ihm ganz entschieden: John Ford hat trotzdem seine besten Filme mit ihm als Hauptdarsteller gedreht. Wayne hatte Rollen unter anderem in „Fort Apache“, „She Wore a Yellow Ribbon“, „The Searchers“, „The Horse Soldiers“ und in „The Man Who Shot Liberty Valance“. Howard Hawks stand nur wenig zurück und schneiderte ihm drei seiner berühmtesten Filme auf den Leib: „Red River“, „Rio Bravo“ und „Hatari“. Schließlich hat sich Wayne auch noch als Regisseur vorgestellt. Das unsägliche Ergebnis: „The Alamo“. Neuerdings wird er anläßlich einer als Western getarnten Klamotte als König der Western-Stars apostrophiert. „Mac Lintock“ stammt zwar von einem Regisseur namens McLaglen, könnte aber Meter um Meter von Wayne selber sein.

Das Gefälle ist beträchtlich. Als einziger scheint Ford begriffen zu haben, was für einen Typ er sich geangelt hatte, denn er hat, zumindest in seinen späteren Filmen, Wayne Rollen angewiesen, die alles andere als strahlend sind. Allerdings muß man Ford schon kennen, um das herauszusehen. Seine Filme sind von merkwürdiger Ambivalenz und im erklärten Sinn nicht kritisch, die Liebe zum Gegenstand hat ihm immer wieder den Blick getrübt, und seine Haltung Wayne gegenüber ist eine seltsame Mischung aus Verachtung und Bewunderung.

In „The Searchers“, dem vielleicht schönsten Film Fords, spielt Wayne einen ruppigen Siedler, der jahrelang ein von Indianern geraubtes Mädchen sucht. Sein Haß auf die Rothäute geht so weit, daß man fürchten muß, er werde das Mädchen umbringen, weil es für ihn nur noch eine Indianerin ist. Er hat eine große Szene, als er sie findet und hinter ihr herjagt. Sein Pferd bäumt sich, er springt ab, schließt die Wiedergefundene dann aber doch in die Arme und bringt sie heim. Er hat eine Ausnahme gemacht. Die letzte Einstellung, aus einer dunklen Blockhütte in die helle, weite Landschaft, zeigt ihn unbelehrt davongehen. Acht Jahre hat die Suche gedauert, und er hat noch immer nicht begriffen. Auf verhaltene Weise formuliert Ford hier einen Vorwurf. Er macht sich das Bewußtsein der Siedler mit viel Anstrengung um historische Genauigkeit zu eigen – und diese waren auf Indianer bestimmt nicht freundlich zu sprechen –, dreht aber die Geschichte doch so, daß der Zuschauer ihre Implikation begreifen kann.

Ähnlich in dem Film „Horse Soldiers“. Wayne ist ein draufgängerischer Nordstaatenoffizier, der eine gefährliche Expedition durch feindliches Territorium unternimmt, borniert, brutal, aber geschickt. Er ficht seine Sache durch, sogar mit einer gewissen Würde, das hat Ford sich nicht versagen können, aber die Melancholie des Ganzen gibt dem Film einen milden anti-militaristischen Effekt. Der Unterschied zwischen den hübschen blauen Uniformen und dem blutigen Geschäft, die Übergänge von Spiel zu Ernst stimmen Ford traurig, und er zeigt es.