Kurt R. Grossmann: Ossietzky, Ein deutscher Patriot; Kindler Verlag, München; 580 Seiten, 24,– DM

Diktatoren, gleich welcher Couleur, haben es hierzulande, hält man sich an die stattliche Reihe der Biographien, leichter. Selbst deren Paladine samt Helfershelfer und Steigbügelhalter, ermuntern zum Beschreiben ihres Tun und Lassens.

Bei einem Mann wie dem Grafen Schenk von Stauffenberg (siehe ZEIT Nr. 12) verstrichen hingegen fast zwanzig Jahre, bis die erste Biographie erschien. Und einem anderen deutschen Patrioten – von denen wir. nicht gerade die Hülle und Fülle haben – erging es auch nicht besser: Carl von Ossietzky. So war es, mochten viele (oder sind es gar doch nur wenige?) erhoffen, fast eine Tat, daß nun endlich auch über ihn eine sachliche Beschreibung seines Lebens und Kämpfens geliefert wurde. Da bekäme jene Jugend, von der im Klageton immer wieder gesagt wird, ihr fehle es an Idolen, an Leitbildern, ein Buch in die Hand, an dem sie sich zutreffend orientieren könnten: An dieser Biographie des so schnell vergessenen, ja, insgeheim noch heute verschmähten Ossietzky, an dem heroischen Beispiel eines aufrechten Demokraten.

Derlei mochte erwartet werden, als Grossmanns – mit dem Albert-Schweitzer-Buchpreis dekorierte – voluminöse Arbeit angekündigt wurde. Überholt war, fürs erste jedenfalls, das kritische Wort von Alfred Kantorowicz aus dem Jahre 1962: „Es ist kein Zufall, daß ein Viertel Jahrhundert nach seinem Tode, siebzehn Jahre nach Kriegsende, noch keine Ossietzky-Biographie erschienen, keine Sammlung seiner Schriften herausgegeben worden ist.“

Welch Wunder! Gilt doch dieser kleine tapfere Mann, der damals mit nichts, als seiner Schreibfeder gegen die Feinde der Republik von rechts und links auf die Barrikaden stieg, auch bei vielen Neu- und Jungdemokraten unserer Zeit und in unserem Staat nur wenig oder nichts: Dieser Leitartikler der obskuren „Weltbühne“, der „Landesverräter“, der am Ende sogar vermeinte, die Kommunisten seien wohl doch weniger gefährlich als die Nationalsozialisten...

Geheimer Schauder packte den einen oder anderen vielleicht noch, wenn er jenes Photo des KZ-Häftlings Ossietzky vor einem Bullen in schwarzer SS-Uniform sah, den man förmlich brüllen hört: „Dich werden wir schon kirre machen, warte nur, Bürschchen...“ Ihn heute zu ehren freilich, ihm rückhaltlos die gebührende Achtung zu zollen, dazu reicht es nicht. Solchen Patrioten werden keine Kränze geflochten, keine Denkmäler gesetzt. Als hätten wir sie im Überfluß. Ein „verfehlter“ Patriot war er eben, untergrub das schwache Gebilde Weimar. Wie viele denken auch jetzt noch so...

Nun aber kam dieses Buch. Eine Lücke schien geschlossen. Doch, weit gefehlt – zum Leidwesen aller, die voller Erwartung auf ein umfassendes Lebensbild des so lang Verschwiegenen, Gemiedenen waren. Grossmann, in jener Zeit Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte und Mitstreiter Ossietzkys, konnte aus eigenem Erleben viel über ihn mitteilen, konnte aus Notizen, Dokumenten, Berichten anderer Zeitgenossen jene Fälle ausführlich rekapitulieren, die Ossietzky „berühmt“ für die einen, „berüchtigt“ für die anderen machten: sein unermüdliches Streiten wider die Machenschaften der „Schwarzen Reichswehr“, wider die Fememorde, wider die Fehlurteile in Sachen Bullerjahn und Jakubowski. Darüber ist in ausreichendem, korrektem Maße Bericht gegeben, wenn auch andere Freunde Ossietzkys hie und da manche Ungenauigkeit, manche Oberflächlichkeit entdeckten. Doch das ist ein Mangel, der leicht wiegt.