Oper von Verdi

Komische Oper Berlin

Die 87. Vorstellung als Festaufführung – solche Stabilität des Premieren-Niveaus, fünf Jahre lang, das ist augenblicklich wohl nur mit einer Felsenstein-Inszenierung möglich. Das Gastspiel der (Ost-)Berliner Komischen Oper in Weimar leitete eine Festwoche ein, über die noch im Zusammenhang mit der „Deutschen Shakespeare-Ehrung 1964“ zu berichten sein wird. Walter Felsenstein hat für seine Inszenierung zunächst das „Othello“-Libretto von Arrigo Boito neu ins Deutsche übertragen. Wegen des Verzichts auf den Endreim ist er kritisiert worden. Trotzdem bedienen sich seiner sprachlichen Neufassung immer mehr Bühnen auch in Westdeutschland. Verständlichkeit und Musiknähe des Wortes sind auf alle Fälle Vorzüge dieses Bühnentextes.

Dem Musikregisseur Felsenstein erlaubt er, prall theatralisch und fließend dramatisch zu inszenieren. Meisterleistungen liefert gleich zu Anfang der Chor. Neben seiner darstellerischen Virtuosität ist die musikalische Sicherheit der Choristen zu bewundern. Wie die Handlung sich bis zur Trinkszene steigert, das läßt den Zuschauer nicht zu Atem kommen. Verhältnismäßig matt wirkt danach der erste lyrische Ruhepunkt. Das Plejaden-Duett zwischen Othello und Desdemona hat man schon tristanhafter singen gehört. Hier hält Kurt Masur, der junge „Generalmusikdirektor“ der Komischen Oper, das in den Streichern dünn klingende Orchester mehr zurück, als es die Musikdramaturgie verlangte. Masur ist ein entschiedener Rhythmiker. Er führt Orchester und Chor überlegen, jedoch einseitig nach jenen Impulsen, die vom Regisseur ausgehen. Der Interpretation Masurs fehlt jenes ständige Vibrato der Glücksbedrohung, das Toscanini beispielhaft der „Othello“-Partitur zu entlocken wußte.

Den gesangsdramatischen Höhepunkt brachte in der Weimarer Vorstellung der Schlußakt. Christa Noack sang Desdemonas Lied vom Weidenbaum mit zu Herzen gehendem Piano, Jaroslav Kachel die Todesszene derart erschütternd, daß man den Belcanto der berühmtesten Opernstars bereitwillig vergaß. Erwähnt sei noch der ungemein vitale Jago von Vladimir Bauer. Zwar läßt sich nicht leugnen: Felsensteins „Othello“-Sänger befinden sich teils noch nicht, andernteils nicht mehr ganz auf der Höhe des internationalen Starstandards. Aber als Glieder eines großen Ganzen, gepackt von der allumspannenden Regiekraft Felsensteins, ermöglichen sie Außerordentliches. Das gilt (galt) auch für den „Othello“-Bühnenbildner Rudolf Heinrich. Wie gut war er, als noch Felsenstein ihm die Aufgaben stellte! Johannes Jacobi