Was wäre, wenn ... Solche Frage, reizvoll „ und spielerisch, verpönt zu recht bei Wissenschaftlern, für Politiker voller Fallstricke, ist noch allemal dem Journalisten, dem Fragenden aus Beruf also, ein „Sesam öffne dich“. Ein durchaus legitimes Prinzip. Ob seiner Natur nach kühn oder naiv, temperamentvoll oder bedächtig – fragt er so, macht er sich keiner Leichtfertigkeit schuldig. Er darf, zuweilen muß er sogar diese Frage aufwerfen. Und wenn ihm Talent und Spürsinn eigen sind, kommt er damit auch schon einmal den Dingen auf den Grund.

Axel Eggebrecht, so etwas wie ein „alter Hase“ unter den deutschen Journalisten, hat gerade mit der Lockfrage „Was wäre, wenn“ in seinem fünften Bericht über den Frankfurter Auschwitz-Prozeß eine Handvoll Tatsachen aufgedeckt, die sonst vielleicht verborgen geblieben wären.

Was mochte wohl, einmal angenommen, der Angeklagte Wilhelm Boger an jenem 20. April 1964 denken – er, der ehemalige SS-Mann und „alte Kämpfer“, an jenem 75. Geburtstag Adolf Hitlers? Was geht in einem der Geschworenen vor, einer der Frauen, wenn sie nach solch einem Prozeßtag am Abend mit ihrem Mann, ihren Kindern beisammen ist, wenn neugierige Nachbarn oder Freunde auf sie eindringen? Wie schirmen sich die Richter, die Ankläger gegen Urteile und Vorurteile ab, die in den Zeitungsberichten, in Gesprächen untereinander hier und da auftauchen?

Es ist der Vorteil dieser Funkserie, daß derlei Fragen fachgerecht gestellt und beantwortet werden (diesmal von der Juristin Ilse Staff, Autorin des Taschenbuches „Justiz im Dritten Reich“). Eggebrecht begnügt sich eben nicht mit vordergründiger Darstellung der Fakten, der so genau und oft reportierten Vorgänge im Gerichtssaal. Das, was hinter den Kulissen geschieht, unbemerkt von den meisten, interessiert ihn weit mehr. Was zweifelhaft sein mag, was zu Irrtümern verleitet, will er klarstellen, mit aller gebotenen Objektivität und allem Engagement, die ihm stets eigen waren.

Solche Chronisten gibt es nicht viele. Ob es viele sind, die ihm auch zuhören? Den Termin dieser Eggebrecht-Sendung jedenfalls sollten sich alle, die es angeht, rot im Kalender anstreichen. Und es geht alle an, ohne Ausnahme. D. St.