Festredner haben sich zu großen Synthesen gerüstet. Vermutlich hat man auch an Goethes berühmten Aufsatz vom Jahre 1815 erinnert, der eine unmutige Überschrift erhalten hatte: „Shakespeare und kein Ende.“

Shakespeare und kein Ende? Da ist jetzt ein neues Shakespeare-Buch erschienen und beweist uns, wie wenig nach wir mit dem Mann aus Stratford-on-Avon zu Ende sind. Es erscheint zur rechten Zeit, was diesmal heißen soll: nicht bloß aus Anlaß des turbulenten Jubiläums. Ein Buch „zur rechten Zeit“ meint hier, daß es sich um Betrachtungen über Shakespeare handelt, die neuen Zugang zu den großen Tragödien, Komödien und Historien von unserem Zeiterleben her zu suchen gewillt sind –

Jan Kott: „Shakespeare heute“, aus dem Polnischen von Peter Lachmann; Albert Langen–Georg Müller Verlag, München; 301 S., 19,80 DM.

Das Buch eines polnischen Philologen und Literaturforschers. Jan Kott ist heute fünfzig Jahre alt und wurde in Warschau geboren, wo er gegenwärtig als Universitätsprofessor für polnische Literatur und für Weltliteratur wirkt. Die letzten zwei Jahre verbrachte er mit einem amerikanischen Forschungsstipendium in England, wo auch sein Shakespeare-Buch entstand, dessen polnischer Originaltitel wohl mit „Skizzen zu einem Shakespeare“ zu übersetzen wäre.

Studien oder Skizzen oder Meditationen über Shakespeare. Dies ist keine Shakespeare-Biographie. Die – verhältnismäßig spärlichen – Ergebnisse neuerer Forschung über den Mann Shakespeare wurden natürlich verarbeitet, aber Kott kümmert sich durchaus nicht darum, eine neue Hypothese zur Identität oder Nicht-Identität von William Shakespeare beizubringen. Es fehlen auch genauere Darstellungen zur Literatur und Theatergeschichte des elisabethanischen England. Sehr merkwürdige Arbeitsmethode. Da ist – wenn andere Autoren neben Shakespeare im Buch genannt werden – kaum von Marlowe oder Ben Jonson die Rede, wohl aber von Brecht und Dürrenmatt und Sartre und Beckett.

Nicht einmal das gesamte Werk Shakespeares wird untersucht. Epen und Sonette bleiben ausgespart. Aber auch große Shakespeare-Werke wie „Othello“ und „Romeo“, wie der „Kaufmann von Venedig“ und sogar wie „Maß für Maß“ bleiben ohne genauere Interpretation.

In der Form wie der Zusammenstellung erinnern diese Shakespeare-Studien von Jan Kott an die bedeutenden und noch vor vierzig Jahren so einflußreichen Shakespeare-Studien von Gustav Landauer. Dessen Shakespeare-Analysen entstanden als Ausdruck einer geistigen und auch politischen Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Landauers Shakespeare gehörte zur expressionistischen Ära. Mit Recht fand damals die Analyse des Zeitgenossen Shakespeare bei Landauer ihren Höhepunkt in den Studien über „Troilus und Cressida“ und über „Maß für Maß“. Über eine Welt also von Krieg und Unzucht und über das Problem des Machtmißbrauchs und einer unmenschlich gewordenen Formalhumanität.