Von Peter Fischer

Das Buch „Parlez-vous franglais?“ von dem Sorbonne-Professor Etiemble ist in Frankreich gleich nach seinem Erscheinen (in der Taschenbuchreihe „Idées“ des Verlages Gallimard) zum Verkaufsschlager geworden. Oder besser: zum Bestseller. Der Gebrauch dieses Wortes deutet bereits das Thema des Buches an, das ja auch für uns Deutsche aktuell ist, obwohl sich Etiemble nur mit dem Französischen befaßt. Da es sich jedoch kaum noch um Französisch handelt, wenn so viele Leute „auf französisch Englisch reden“, nennt er diese Zwittersprache ,,franglais“, „frenglisch“.

Es ist der Reiz der Philologie, daß sie exakte Wissenschaft ist und zugleich schöne Kunst sein kann – daß sie, wenn die Fakten feststehen, doch noch Raum läßt für den Geschmack. Es ist der Reiz von Etiembles Buch, daß es wissenschaftlich fundiert ist und zugleich mit flammendem Eifer und sprühendem Witz eine subjektive Meinung verficht.

Die Fakten stehen fest. Der Professor, der Material für ein Spezialwörterbuch zum Thema sammelt, zählt 3000 bis 5000 englische und amerikanische Wörter, die heute in Frankreich gebraucht werden – wobei er französische Ausdrücke, die dem Englischen nachgebildet sind, noch nicht einmal mitrechnet. Das sind wesentlich mehr als in Deutschland, wo wohl kaum jemand Wörter wie briefing, building, clash, crooner, deterrent, dissuasion in den Mund oder in die Schreibmaschine nimmt. Auch wir haben zwar unsere Babysitter, Bands und Bosse, doch wir müssen uns schon ein bißchen anstrengen, um auch nur 300 ähnliche Wörter zusammenzukratzen. Bei der zehnfachen Zahl ist allerdings schon so etwas wie eine französische Sprachrevolution im Gange, die begreiflicherweise eifrige enfants de la patrie auf die Barrikaden ruft.

Geschmacks- und Ansichtssache aber ist es in jedem Falle, ob man diese Entwicklung grundsätzlich verdammt, ob man die Sprachgeschichte überhaupt für lenkbar hält, ob man den Wandel mit Edikten bekämpfen will. Dies alles ist der Standpunkt des Puristen Etiemble. Dahinter steht nicht nur jene Tradition, die seit drei Jahrhunderten in der Académie Française eine höchste Richterin und Hüterin der Sprache besitzt – und dennoch die Masseninvasion fremder Elemente nicht verhindert hat. Dahinter steht vor allem der verletzte Stolz eines Franzosen auf seine Sprache, die nicht mehr die erste ist in der Welt. Dahinter steht auch politisches Ressentiment gegen das übermächtige Amerika – zugleich Ursache und Folge des philologischen Ressentiments gegen die Angloamerikanisierung des Französischen.

Aus seinem Zettelkasten holt er mit satirischer Wonne viele amüsante Beispiele dieses sprachlichen Potpourri – oder sagt man heute eher Mixed Pickles? Aber nicht nur den Wortschatz färbt der englische Einfluß; er greift noch tiefer und dringt auch schon in die Struktur der Sprache ein. Aus durchweg belegten Ausdrücken, so bemerkt Professor Etiemble ausdrücklich, stellt er auf hundert Seiten eine regelrechte Grammatik dieser „atlantischen Zwittersprache“ zusammen. Das alte philologische Verfahren, aus Sprachresten oder auch nur aus Tochtersprachen eine verschollene Ursprache zu rekonstruieren, wird hier also vielleicht zum erstenmal in die Zukunft gewendet – eine Zukunft, die schon begonnen hat. Natürlich geschieht das karikierend, etwa wenn Etiemble dieÜbungsaufgabe stellt, folgenden literarischen Titel ins Französische zu übersetzen: „Le Retour du junior prodigue“ – „La juniors aux yeux d’or“ – „Le senior Goriot“. Aber die Grundlage dieser prophetischen Grammatik ist doch völlig ernsthaft und gilt in vielem auch für das Deutsche.

In der Rechtschreibung stellt er fest, daß sich die anglisierenden „Zauberbuchstaben“ k und y gern an die Stelle von c, qu und i drängen, hauptsächlich bei Namen und Markenbezeichnungen, aber auch schon bei gewöhnlichen Wörtern nichtenglischen Ursprungs. In der Aussprache beobachtet er eine Tendenz zur Auflösung der Nasale, etwa in suspense, das halb englisch ausgesprochen wird. Bei jet und joker kritisiert er die englische Aussprache des j als Doppelkonsonant. Die Wörter an sich würden ihn, scheint’s, nicht so stören, wenn man sie ganz dem französischen Sprachbild anpaßte, so wie früher riding-coat in Frankreich zu redingote geworden ist – oder wie wir ,Sport“ und „Jacht“ als Lehnwörter eingedeutscht haben. Ähnlich schlägt er coquetele für cocktail Tor. Denn: „Ich will weiter nichts, als daß das französische wieder eine lebende, das heißt eine assimilationsfähige Sprache wird.“