In neun Sprachen hat kürzlich der nordvietnamesische Rundfunk in Hanoi diese Nachricht verbreitet: Mit der Akkreditierung eines Leiters der Vertretung der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams beim „Nationalrat der Nationalen Front“ in Ostberlin habe „eine neue Etappe der solidarischen Verbundenheit zwischen der Bevölkerung Südvietnams und der DDR“ begonnen.

Es ist schon bemerkenswert, daß die FNL – wie sich diese Organisation abkürzt – in Ostberlin ein Büro bezog, da ihre Auslandsvertretungen nicht gerade zahlreich sind. Die prokommunistische südvietnamesische Aufstandsbewegung richtete bereits vor Monaten ein Büro in Havanna ein, um von dort aus ihre Beziehungen zu Lateinamerika auszubauen. Ihre Zweigstelle in Algier ist für Kontakte mit den afrikanischen Ländern zuständig, ein FNL-Vertreter im Ständigen Ausschuß für Afro-Asiatische Solidarität residiert in Kairo. Im Spätherbst des vorigen Jahres schließlich eröffneten die südvietnamesischen Partisanen noch eine Vertretung in Prag, die für Europa zuständig sein soll.

Die FNL mißt ihrer Prager Vertretung besondere Bedeutung bei. Das geht schon daraus hervor, daß sie von ihrem ehemaligen Generalsekretär, dem 45jährigen Naturwissenschaftler Prof. Nguyen Van Hieu aus Saigon, geleitet wird, der ein guter Freund des ehemaligen Rechtsanwalts und jetzigen FNL-Präsidenten Nguyen Hun Tho ist. Bereits 1958 hatte der rebellierende Professor, früher auch Generalsekretär der „Radikalen Sozialisten Vietnams“, wegen prokommunistischer Betätigung Saigon verlassen müssen und sich der am 20. Dezember 1960 gegründeten FNL angeschlossen. 1962 machte er eine ausgedehnte Propagandareise durch viele Länder.

Daß Nguyen Van Hieu nun auch die Ostberliner FNL-Vertretung betreut, hat vorwiegend materielle Gründe. Die DDR verstand es bereiten, sich bei der FNL interessant zu machen – weniger durch politische Bekenntnisse als vielmehr durch tatkräftige Hilfe. Als der kommunistische Weltgewerkschaftsbund im Oktober 1963 auf einer Sitzung in Hanoi ein „Internationales Gewerkschaftskomitee für Solidarität mit den Werktätigen und dem Volk Südvietnams“ ins Leben rief, gab es nur einen Funktionär, der sofort Hilfe brachte: das Präsidiums-Mitglied des FDGB Kurt Selbmann. Er übergab eine Medikamentenspende in Höhe von 50 000 Mark und nahm auf dem Rückflug nach Ostberlin gleich mehrere verwundete FNL-Partisanen mit, die in DDR-Krankenhäusern gesund gepflegt werden. Doch damit nicht genug: Anfang April stellte der FDGB der FNL runde 500 000 Mark zur Verfügung.

Auch die FDJ blieb nicht untätig. Eine Delegation aus Ostberlin nahm im vergangenen Jahr an einem Treffen mit jungen kommunistischen Vietnamesen im Gebiet am 17. Breitengrad teil, wo sie die Verhältnisse mit denen der Zonengrenze verglichen. Die Tatsache, daß Deutschland ebenso wie Vietnam geteilt sei und nur dann wiedervereinigt werden könnten wenn die Arne-, rikaner das Feld räumen, ist einer der häufigen Vergleiche, die von DDR-Funktionären gemacht werden, um die Solidarität mit den Vietnamesen zu bekräftigen. Wie der FDGB hat sich auch die FDJ freilich nicht mit solchen Solidaritätsbekundungen zufriedengegeben. Sie bildet in ihren internationalen Lehrgängen an der „Jugendhochschule Wilhelm Pieck“ am Bogensee junge südvietnamesische FNL-Mitglieder zu Jugendführern aus. Zudem wurde auch eine Ausstellung über die Tätigkeit der FNL in Südvietnam kürzlich in Ostberlin eröffnet.

Da die Sowjetunion wegen ihrer ideologischen Auseinandersetzungen mit Peking in Vietnam nicht voll handlungsfähig ist, war es kein unkluger Schachzug, daß sie gerade der DDR zur Unterstützung der FNL eine wichtige Stellung eingeräumt hat. Durch die Gründung des FNL-Verbindungsbüros in Ostberlin ist sie nun ausgebaut worden. Hans Lindemann