Von Wolfgang Helbich

Drei Generationen amerikanischer Historiker haben sich mit dem Problem befaßt, welche Rolle der europäischen Erbschaft in der Geschichte der USA zukommt. Wie die Gewichte dabei auch verteilt werden – niemand leugnet, daß wesentliche, die Vereinigten Staaten prägende Impulse von Europa ausgingen.

De nicht ganz so auf der Hand liegende Frage nach den Einflüssen der Neuen Welt auf die Alte ist kaum weniger reizvoll; dennoch ist sie, sieht man von R. R. Palmers 1959 erschienener vorzüglicher Studie über die transatlantische Verflechtung der revolutionären Strömungen des achtzehnten Jahrhunderts ab („TheAge ofDemocrati: Revolution“, Princeton University Press), selbs: für Einzelperioden oder Teilaspekte bisher ernsthaft nie gestellt oder beantwortet worden. Deshalb habe ich das Buch von

Gerhard Herrn: „Amerika erobert Europa“; Econ-Verlag, Düsseldorf; 480 S., 81 Abb., 24,80 DM

erfreut und erwartungsvoll zur Hand genommen. Endlich ein Versuch, diese für europäische Historiker etwas peinliche Lücke zu schließen, unternommen von einem jungen Mann (Jahrgang 1931), der seine Seiten des Atlantik aus eigener Anschauung kennt. Der Waschzettel spannt die Erwartung noch höher: Es handle sich um eine „Pionierleistung“, eine „lebendige Geschichte zweier Welten“, ein „großangelegtes kultur-, wirtschafts- und zeitgeschichtliches Sachbuch“. 10 Seiten Register versprechen Sorgfalt, rund 150 Titel der Bibliographie lassen auf wissenschaftliche Ambitionen schließen. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis endlich gibt zu erkennen, daß man nicht eine traditionelle, auf das Politische beschränkte Studie vor sich hat, sondern eine Arbeit, die auf alle nur denkbaren Aspekte einer Beeinflussung oder „Eroberung“ Europas durch Amerika im Laufe von vier Jahrhunderten eingeht. Kein Zweifel – ein ehrgeiziges Projekt.

Amüsant und anregend berichtet die Einleitung von allerlei kuriosen Dingen, die in Schulbüchern selten verzeichnet sind: daß man den Tabak in Frankreich zunächst „Königinmutterkraut“ nannte; daß Cromwells Verbot des Tabakanbaus in England bis 1910 in Kraft war; daß man in Preußen die Kartoffel zuerst nicht mochte, weil sie vorwiegend roh gegessen wurde; daß der Truthahn gleichzeitig mit der Schokolade im Jahre 1520 in Europa bekannt wurde und es heute in der Bundesrepublik als aussichtsreiches Geschäft gilt, Puterfarmen anzulegen; daß John Locke „so etwas wie der Marx der amerikanischen Revolution“ war; daß „in der Weltgeschichte ein Gleichgewichtsgesetz wirksam ist, das noch nicht genügend erforscht wurde“.

Im Anfang etwas verwundert über die außerordentliche Länge dieser Einleitung, muß der Leser schließlich feststellen, daß er bereits bei den letzten Seiten des Buches angelangt ist und das, was er für die einführenden Worte hielt, die Substanz des Werkes ausmacht.