Von Ernst Stein

Über das Leben Shakespeares ist eine ganze Bibliothek geschrieben worden, aber was wir an verbürgten Zeugnissen über ihn besitzen, hätte Raum auf ein paar Seiten. Sein theaterbesessenes Zeitalter nahm das Spiel auf der Bühne wichtiger als den Verfasser. Die Hälfte seines Werkes, achtzehn Dramen, wurde erst sieben Jahre nach seinem Tode gedruckt, und die Nachwelt verdankt es mehr dem Zufall, daß sie, zum Beispiel, „Antonius und Cleopatra“, das „Wintermärchen“ und eines der ungeheuersten Theaterstücke aller Zeiten, den „Macbeth“, überhaupt kennt.

Die Spuren seines Lebens in seinen Dramen zu suchen, ist leicht und vergeblich. Denn je größer ein Kunstwerk ist – und seines ist das größte – desto unfaßbarer verschwindet das Persönliche ins Allgemeingültige. Aber Shakespeare hat der Welt eine autobiographische Dichtung gegeben, wenngleich nicht freiwillig: seine Sonette, hundertvierundfünfzig an der Zahl, sieben Jahre vor seinem Tode ohne sein Hinzutun veröffentlicht (er hat auch niemals selbst eines seiner Dramen zum Druck befördert). Hier sagt er tausendmal Ich; hier spricht er nur von sich – und bleibt unergründlich wie zuvor.

Denn die Einmaligkeit der Sonette Shakespeares, die Unvergleichlichkeit dieses Bekenntnisses ist eingebettet in die poetische Konvention seiner Zeit, in eine modische Künstlichkeit, die – Vorläufer der Barockdichtung – mit der Überspitzung des Wortausdrucks auch die Leidenschaft zu steigern meinte; und eingebettet in eine Hohlform halbverbrauchter Metaphern, die schon weitab vom Gefühlsursprung liegen. Dieser Schablone ist das Verswunder abgewonnen.

Die Motive dieser Gedichte – die Freundschaft, und vielleicht mehr als das, mit einem anziehenden jungen Mann von hohem Stand und Reichtum; die Verfallenheit an eine ebensooft verwünschte wie gepriesene Schwarzhaarige, die ihn mit dem schönen Freund betrog, der übrigens auch einem anderen Dichter seine Gunst zuwandte; der Kummer über den eigenen niederen Stand und die Klagen über eine Krankheit, die das Schlimmste vermuten läßt – auch diese stofflichen Motive sind nicht mehr als hergebracht wie alles, woraus Shakespeare das noch nie Dagewesene formte.

Von der Magie, die von diesen Gedichten ausgeht, fällt kein geringer Teil auf das Buch als solches ab, denn auf seinem Titelblatt stehen die rätselhaftesten Initialen, die je gedruckt wurden. Es ist „dem einzigen Erzeuger Mr. W. H.“ gewidmet, aber nicht vom Dichter, sondern, in wunderlich verrenkten Wendungen, vom Verleger, einem sicheren Thomas Thorpe. Millionen Worte wurden über die Bedeutung des Ausdrucks Erzeuger (begetter = Urheber, Erzeuger, Zeuger, Anreger, Beschaffer) in diesem Zusammenhang geschrieben: ob damit der junge Kavalier gemeint sei, an den vier Fünftel der Sonette gerichtet sind, oder nur der Mann, der dem Drucker das Manuskript verschaffte. Und Abermillionen Worte wurden über die Frage geschrieben: Wer war Mr. W. H.?

Es gibt ja sogar (und nicht ohne alle Berechtigung) die übergeordnete Frage: Wer war Shakespeare? Nicht weniger als sieben Anwärter auf die Verfasserschaft seiner Werke wurden, mehr oder minder ernst zu nehmen, seit hundert Jahren aufgestellt, beginnend mit dem Philosophen und Staatsmann Francis Bacon, und die Gegner des kleinen, wahrscheinlich nicht sehr begabten Schauspielers Will Shakespeare aus der Provinzstadt Stratford haben viel Verblüffendes vorgebracht, was gegen seine Autorschaft spricht, aber nichts Überzeugendes für ihre eigenen Kandidaten. Wenn wir wüßten, wer Mr. W. H. war, wüßten wir vielleicht auch die Antwort auf die größere Frage.