Von Marcel

Der Germanist Wilhelm Emrich wurce vor einiger Zeit gebeten, eine Rundfunksendung über Büchner und seine Nachwirkungen in der modernen Literatur zu schreiben. Der Auftrag hatte Folgen, die der Auftraggeber nicht geahnt haben kann.

Denn nach erneuter Beschäftigung mit Büchner und vielen Dramatikern unseres Jahrhunderts erlitt Emrich einen Schock. Er bekennt in der Welt der Literatur vom 19. März: „Manchmal sprengt eine Lektüre alle Vorstellungen, die man sich über die Literatur und ihre Geschichte zu machen pflegt. Man erhält plötzlich das erschreckende Bewußtsein, daß alles, was über Literatur geredet und geschrieben wird, falsch ist...“ Und: „Nahezu groteskerweise stürzten durch dieses kaleidoskopartige Lesen ... alle gemeinhin geltenden literaturwissenschaftlichen Begriffsschemata wie ein Kartenhaus in sich zusammen.“

Dieser Schock hat jedoch Emrich nicht gehindert, letztens einige größere Aufsätze zu veröffentlichen, die ich dringend empfehlen möchte: Ihr Studium ist zwar etwas mühselig, aber der aufmerksame Leser wird sich gründlich belehrt sehen. Allerdings nicht über die Gegenstände, mit denen sich der Autor befaßt.

In seinem Essay über „Kritisches und mythisch dirigiertes Bewußtsein“, der in der kürzlich erschienen Nummer 98 der Zeitschrift Neue Deutsche Hefte zu finden ist, meint Emrich, unser Zeitalter werde durch den Versuch bestimmt, dem „Prinzip einer grenzenlos und autonom fortschreitenden Forschung und Naturbeherrschung Grenzen entgegenzusetzen durch andere Prinzipien, die aus dem ethischen, religiösen und ästhetischen Bereich stammen“.

Hierzu schreibt nun Emrich: „Das Bewußtsein pendelt gleichsam ausweglos und notwendigerweise immer ergebnislos zwischen einem grenzenlosen, alles bestimmenden Prinzip und Grenzen setzenden ethischen, religiösen und ästhetischen Prinzipien, die jedoch im Bereich des alles beherrschenden Prinzips keine Grenzen setzen können, da solche Grenzen dem Wesen dieses Prinzips selbst widersprechen, daher auch von ihm weder geleistet noch gefordert werden können.“

Daß ein Bewußtsein pendeln kann, überrascht mich ein wenig, daß es aber „ausweglos“ pendelt, ist in bester Ordnung, da Pendelbewegungen schwerlich Auswege haben können. Und wenn schon etwas ausweglos pendeln muß, dann „notwendigerweise immer ergebnislos“. Durchaus logisch.