Verschwiegenheit scheint in der Berichterstattung über Reiseziele und Urlaubsziele auf jenen Inseln zu liegen, auf Plätzen und Stränden, die sich die Menschen ausgesucht haben, um den Versuch zu machen, wie im Paradiese oder, genauer ausgedrückt, paradiesisch für kurze Zeit zu leben. Wir meinen jenes sehr irdische Paradies, das existierte, ehe die Schlange ihren Kommentar sprach. Wir sprechen hier nicht von den neunzehn Nacktbadestränden an der bundesrepublikanischen Ost- und Nordsee, nicht von den drei oder vier Nacktbadestränden in Mecklenburg und Restpommern, auch nicht von den fast hundert Nacktbadeplätzen in der Bundesrepublik.

Der Verzicht auf Strandtextilien, von der einschlägigen Bademodenindustrie mit Unbehagen gesehen, greift um sich, und es sieht aus, als winkten Paradiese in dieser unparadiesischen Bundesrepublik, die an der Spitze der textillosen Baderei aus Tradition in Europa steht.

Italien scheidet aus der textillosen Strandbaderei ganz aus. Dafür gilt auf vielen Inseln und an vielen Stränden Jugoslawiens, die ja dasselbe Klima aufweisen wie die adriatische Küste die Devise: Es kann jeder in der Fasson sich am Strand zeigen, in der es ihm beliebt. In Griechenland sind die ersten Nacktbadestrände im Gespräch, und in Bulgarien soll im Mai der erste Abessinienstrand bei Nessebar abgegrenzt werden. Am ungarischen Plattensee kann man Schilder entdecken, die hinter Schilfmatten die Ganzfreibaderei gestatten. Schweden und Dänemark haben ihre alte Tradition, die jedermann kennt, der sich einmal in diesen freizügigen Ländern aufhielt. In den Niederlanden,der Schweiz, Österreich fehlen die örtlichkeiten nicht, die dafür hergerichtet sind.

Auch die Franzosen haben ihre Tradition, die über das ganze Land solche Paradiese verstreut. Wer zum Beispiel auf Korsika reist, wird die verschiedenen Ganzfreibadestrände einmal gesehen haben. Dort reiten die Damen unbekleidet auf Eseln durch die Macchia, und Bungalowdörfer sind entstanden (Tropica, Corsicana, Villata, Salecchia), in denen Familien aus halb Europa und auch Übersee mit Kind und Kegel ihr Heliopolis gefunden haben, die Sonnenansiedlung.

Apropos Heliopolis: Der französische Urahn dieser Möglichkeiten ist die Gemeinde Heliopolis auf der Ile du Levant, die Le Lavandou vorgelagert ist. Dort herrscht längst jene Urlaubersitte, von der vor einiger Zeit ein italienischer Modemensch etwas für die Zukunft seherisch ahnen wollte: Man wird, gleichgültig, welchen Geschlechts man ist, nur ein Minimum tragen, das heißt, man bedeckt sich nur unterhalb des Nabels ein wenig, die Brust bleibt frei. Diese Mode wird auf dem ganzen Territorium angewandt, sofern man sich im Dorf befindet, das Hotels, Pensionen, Bungalows, Cafés usw. aufweist. Am Strand läßt man auch dieses Zugeständnis fort. So kann man beim Einkaufen im örtlichen Lebensmittelgeschäft Damen und Herren gleichgewandet treffen, die Damen allerdings machen noch ein zusätzliches Zugeständnis an die Mode, diese Schmückerin des schwachen Geschlechts: sie tragen lange Halsketten aus vielerlei Material, und vielleicht tragen sie auch Blumen im Haar. Man bleibt auch ausgezogen elegant.

An der Cote d’Azur gibt es andere ähnliche Plätze, aber die Île ist natürlich, trotz der gepfefferten Preise, noch immer das Einzigartigste in dieser Gegend.

Der spanischen Grenze nahe ist Agde, ein ähnlicher Ort. Und am Atlantik liegt Montalivet sowie anderes, das sich dafür anbietet. Wer im französischen Zentralmassiv Station machen will, steigt in die Ardéche-Schlucht abseits der Straße Lyon–Marseille. Dort durchbricht ein Fluß das Gebirge, und auf dem Grunde des tiefen Tales ist das örtliche Paradies aufgebaut.