FÜR Zweifler, die angenommen haben, man könne ein Filmdrehbuch nicht vollkommen edieren und es mache keine Freude, eins zu lesen –

Jerzy Kawalerowicz: „Mutter Johanna von den Engeln“ und „Nachtzug“, Filmtexte, aus dem Polnischen von Peter Lachmann, herausgegeben von Theodor Kotulla; sonderreihe dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 162 S., 2,50 DM.

ES ENTHÄLT die scenopis zu beiden Filmen, einige Photos, ein Nachwort von Theodor Kotulla und sehr ausführliche Anmerkungen.

ES GEFÄLLT, weil Kotulla sich nicht darauf beschränkt hat, allein den Dialog zu veröffentlichen, weil er diesen auch nicht – wie das schon geschehen ist – mit frei erfundenen Zwischentexten zum Drehbuch aufgemöbelt hat, sondern weil er genau jede Einstellung verzeichnet und durchnumeriert, ihre Länge angibt und jede Bewegung der Kamera festhält. In den Anmerkungen hat er sorgfältig jede Abweichung des Films vom Drehbuch notiert und damit wirklich den ganzen Film bis ins Detail, so gut es in Buchform irgend geht, wiedergegeben. Es ist ihm gelungen, alle bisherigen deutschen Versuche, ein Drehbuch herauszugeben, entscheidend zu deklassieren. Mit einem „Spektakulum“-Band des Suhrkamp Verlages fing es vor Jahren an, dann kam die Reihe Cinemathek des Marion von Schröder Verlages, und schließlich begann die Zeitschrift Film in jeder Nummer ein vollständiges Drehbuch (oder was sie dafür hielt) zu veröffentlichen. Inzwischen hat sich die Zeitschrift zur Sorgfalt aufgerafft und mit „Iwans Kindheit“ die vorausgegangenen Schlampereien fast wieder wettgemacht. Von „Messer im Wasser“ publizierte Film weder ein Drehbuch noch ein Filmprotokoll, sondern lediglich die poetischen Einfälle des deutschen Synchron-Autors. Es ist aber gerade mit ein Sinn solcher Veröffentlichungen, dem Filmbesucher eine Kontrolle an die Hand zu geben über das, was Verleih oder Zensur mit einem Film angestellt haben. Der vorliegende Filmtext liefert gerade dazu eine krasse Pointe: Als er publiziert wurde, war „Mutter Johanna“ in der Bundesrepublik noch verboten. Wer nicht Gelegenheit hatte, den Film in London oder Paris oder sonstwo zu sehen, dem war mit dem Taschenbuch sehr geholfen. Der Deutsche Taschenbuch Verlag will es nicht bei diesem einen Band belassen – eine erfreuliche Nachricht. uwe