er große Run hat nicht stattgefunden – und dennoch hat die Messe in Hannover bestätigt, daß sich die Bundesrepublik mitten im Aufwind einer neuen Hochkonjunktur befindet. Wer erwartet hat, daß Hannover in diesem Jahr Rekordaufträge bringen wird, der sieht sich enttäuscht. Die Zahl der Besucher wird eher geringer gewesen sein als 1963 – und bei den Bestellungen gab es keinerlei sensationelle Zuwachsraten.

Dennoch: Hannover 1964 war eine Messe des Optimismus. Wohl nie in den letzten drei Jahren waren so viele Aussteller und Besucher davon überzeugt, daß ein ungewöhnlich gutes Geschäftsjahr vor ihnen liegt. Man rechnet nicht nur damit, daß sich der wirtschaftliche Auftrieb in der Bundesrepublik bis zum Herbst noch beträchtlich verstärken wird, man erwartet auch im Ausland sehr gute Absatzchancen.

Bei Gesprächen mit Interessenten aus Frankreich und Italien zeigten sich zwar vereinzelt die ersten Auswirkungen der Dämpfungsmaßnahmen, die von den Regierungen in Paris und Rom getroffen wurden: Die Besteller waren nicht mehr so unbedenklich wie noch vor wenigen Monaten. Insgesamt aber haben die Aufträge aus diesen beiden Ländern doch noch zugenommen und das Interesse anderer ausländischer Messebesucher war unverkennbar. Die Hannover-Messe hat gezeigt, daß die Bundesrepublik tatsächlich auf dem besten Weg ist, ein Traumziel zu erreichen: die USA in der Ausfuhrleistung zu überflügeln und damit zum größten Exportland der Welt zu werden. In diesem Jahr dürfte die deutsche Ausfuhr zum erstenmal über 60 Milliarden Mark betragen, der Exportüberschuß 8 Milliarden.

Besonders bemerkenswert war das rege Interesse der Ostblockstaaten bei der Hannover-Messe. Schon in den ersten Tagen kamen Delegationen aus der Sowjetunion, Ungarn und Bulgarien. Mittelpunkte aller Gespräche: die Erwartung, daß die Bundesrepublik in Zukunft mit der Gewährung von Krediten wesentlich großzügiger sein werde als bisher. Nur auf dieser Basis würde eine wesentliche Ausdehnung des Osthandels möglich sein. Die Äußerung Präsident Johnsons die USA wollten ihre Einstellung zum Osthandel überprüfen, hat bei vielen deutschen Industriellen die Überzeugung gestärkt, daß unter dem Druck der Konkurrenz anderer NATO-Länder die Haltung Bonns in diesen Fragen elastischer werden wird. Auch für den Osthandel herrschte also Optimismus vor.

Die allgemeine Zuversicht in Hannover wurde nur durch zwei Unbekannte, in der Konjunktur-Rechnung gedämpft: die Erwartung restriktiver Maßnahmen Bonns und die Angst vor einer neuen Lohnwelle im Herbst. Trotz der Versicherung des Kanzlers, daß weder an eine neue Aufwertung noch an andere Maßnahmen zur Erschwerung des Exports gedacht sei, blieb die Sorge vor Eingriffen in die Konjunktur bestehen. „Wenn die ‚weiche Welle’, die Bonn für Mai angekündigt hat, ohne Erfolg bleibt, dann haben wir im Oktober doch die Aufwertung“ – diese Meinung konnte man in Hannover öfter hören.

Und dem Boom, der sich in der Bundesrepublik unverkennbar abzeichnet, traut man noch kein allzu langes Leben zu. Man befürchtet, daß die Dämpfungsmaßnahmen in unseren EWG-Partnerländern gerade dann zu „greifen“ beginnen werden, wenn sich bei uns infolge von Kosten- und Lohnsteigerungen das Preisniveau erhöht. Mit anderen Worten: man befürchtet schon jetzt, am Beginn der neuen Hochkonjunktur, daß der Wettbewerbsvorteil der deutschen Industrie 1965 beträchtlich zusammenschmelzen und 1966 ganz verlorengehen könnte. Das Ende des großen Booms der beginnenden sechziger Jahre, der nach der Aufwertung rasch in sich zusammensank und einer zwei Jahre währenden Flaute Platz machte, ist eben noch in zu guter Erinnerung.

Diether Stolze