Unser Kritiker sah:

Komödie von Dieter Waldmann Thalia-Theater, Hamburg

Dieter Waldmanns „Der blaue Elefant“ ist in Köln ein Versprechen gewesen. Des Autors Sache schien das poetische Theater zu sein. Sprachmetaphorik als Substanz. Dazu absurdes Spiel. Die Gauklerkomödie „Von Bergamo bis morgen früh“ wurde dann bei der Uraufführung von Gründgens zu einem fulminanten Theaterballon aufgeblasen. Waldmann hatte sich mit aktueller Zeitkritik eingelassen. Typen der commedia dell ’arte und Kabarett – Phantastik und Kommentare. Immerhin spielbar. Mit seinem dritten abendlangen Stück, „Atlantis“, tut sich Waldmann wieder schwerer. Nachdem die Uraufführung bei Gründgens plötzlich abgesagt worden war, fand sie unter dem Gründgens-Schüler Karl Vibach in Stuttgarrstatt. Vom zweiten Inszenierungsversuch ließ sich eine authentische Interpretation erwarten, weil der Autor zu den Dramaturgen des Thalia-Theaters gehört.

Wieder besticht seine Fähigkeit, Gestalten zu formen, die auf der Bühne leben. Diesmal ist es ein Gauner-Sextett, Diebe und Dirnen, die mit ihrem „feinen“ Häuptling Fortunat ins Schloß der verarmten, jungen Fürstin Fenice einbrechen. Diese Kumpanei besitzt Personalfarbe und zeitlose Wirklichkeit. So auch einige skurrile Höflinge. Damit hat sich Waldmanns Vorrat an Phantastik aber auch schon erschöpft. Die beiden tragenden Figuren hingegen und was sich zwischen ihnen begibt, Fenice und Fortunat, das scheint zwar Romantik zu sein, wirkt jedoch leblos, weil es in einem dramatisch luftleeren Räume schwebt. Das Märchenkonzept wäre schon vertretbar: Fenice erträumt sich ihren Herzenshelden als „Atlanter“ vom anderen Erdpol, Fortunat muß er heißen. So nimmt sie den Einbrecher als den Erträumten und hält auch an ihm fest, als sie die Wirklichkeit und die Wahrheit der Gaunerei durchschaut hat.

Wer nicht durchhält und an seine „poetische“ Vision nicht glaubt, das ist der Autor. Seine Sprache hat nach dem „Blauen Elefanten“ so viel nüchterne Realität angesetzt, daß ihm jene Dimension des Wortes entglitten ist, in der allein solch ein Wunschzauber leben, alle Vernunft der Vernünftigen zuschanden machen könnte. Waldmann steht an einer Wegscheide. Poesie des Gedankens und Sprachkraft steht auf dem einen Weiser, Theatralik auf dem andern.

Die Hamburger Inszenierung von Heinz Joachim Klein setzte auf den Erdenrest. Von dem bemerkenswert ergänzten Ensemble wurde sehr sorgfältig charakterisiert, aber zu realistisch. Auch das historisierende Bühnenbild von Fritz Brauer erdrückte, wie es vom Autor vorgezeichnet war, die Romantik des poetischen Grundgedankens. Bewundernswert klopfte Brigitte Grothum den Text der Fenice auf Goldadern ab. Als eine Mischung aus Don Juan und Strolch kostümiert erschien Peter Maertens (Fortunat). Unter den Chargen fielen auf: Jo Wegener (Agrippina), Ilse Laux und Karl-Heinz Gerdesmann. Es blieb bei einem Achtungserfolg. Johannes Jacobi