London hatte vergangene Woche wieder seine Auktionssensation bei Sotheby; wieder mit Rekordpreisen (9 900 000 DM für rund 130 Objekte), wieder waren es vor allem die Impressionisten, die ihren sechsstelligen Platz behaupteten. Was diese – nicht so laut wie sonst vorausposaunte – Versteigerung von den letzten „gesellschaftlichen Ereignissen“ unterschied, war. nicht der Millionenglanz, den sie ausstrahlte, sondern der milde Schimmer, der von den Bildern ausging, Bildern „fürs Herz“, vorausgesetzt, daß von da eine direkte Leitung zum Scheckbuch führt.

Gerade die letzten Londoner Impressionistenauktionen hatten gezeigt, wie wenig Freude und Innigkeit meist an dem Überschwang von Licht und Luft teilhaben, den man dem Impressionismus immer nachrühmt; seine Landschaften und Porträts sind oft genug von einer Herbheit und Verbissenheit, der das Lächeln fremd ist. Aber schon lange hat auf der Kunstbörse nichts soviel gewinnenden Reiz verbreitet wie diese Versammlung von 130 Bildern und Skulpturen, aus verschiedenstem Besitz und doch von einer Einheitlichkeit der Ansprache, die auch von Picassos kleinen Bronzegreueln und einigen bitterbösen Rouaults nicht gestört wurde.

Es war Renoir-Tag, und mit Recht; denn was immer man gegen seine geistige Dürftigkeit und seine Fondantbonbon-Farben auf dem Herzen haben mag, so nimmt er doch den widerstrebendsten Beschauer ein mit dem Rückenakt „Mädchen beim Kämmen“ (65 X 54 cm), der den höchsten Preis, mehr als 700 000 DM erzielte; mit einem humorvollen, fast koketten „Jungen Soldaten“ (53 × 31 1/2 cm, 517 000 DM); und mit einer „Vase mit Orchideen“ (80 X 64 cm), die Fantin-Latours Blumenstücken nicht nachsteht und auf 630 000 DM ging (alle drei an Kunsthändler). Odilon Redons „Geranientopf“ (50 X 32 1/2 cm), unerwartet in seiner überrumpelnden Schlichtheit, die ihr Geheimnis nicht preisgibt, brachte auch den unerwarteten Preis von 230 000 DM.

Eine Birkenlandschaft von Camille Pissarro (63 1/2 X 53 1/2 cm), in ihrem linearen Spiel fast dem Jugendstil nahe, ging für 225 000 DM an einen Sammler, und eine Landschaft von 1873 sogar für 360 000 DM an einen Händler. Pissarro wird noch immer stark geschätzt und stark überschätzt. Das gilt auch für die vielbesungene „Holzbrücke von Argenteuil“ (54 X 73 cm) von Monet, die, ehrlich gestanden, veraltet und plump in ihren Mitteln wirkt, aber 540 000 DM brachte; auf 360 000 DM ging Monets „Schnee über Argenteuil“ (54 1/2 X 74 cm), dessen gleichsam ausweichendes Weiß etwas von der Vieldeutigkeit seiner Teichrosen hat.

Was den Preis von 360 000 DM für Alfred Sisleys „Brücke von Moret im Herbst“ betrifft, so dürfte er sich angesichts der krassen Überschätzung Sisleys auf die Dauer nicht als eine besonders sichere Kapitalsanlage erweisen.

Chagalls „Tänzerin“ (63 1/2 X 50 cm), ein mieses Märchen, Migräneausgeburt eines „Sommernachtstraums“, erzielte 50 000 DM, woran man sieht, was der Kunstmarkt, mit der Schützenhilfe der Kunstkritik, aus einem anfechtbaren Künstlertum zu machen versteht, wenn man es ins Undeutbare hinüberspielt. Eine andere „Tänzerin“, diesmal von Matisse (45 X 60 1/2 cm), in den Jazzfarben der zwanziger Jahre – flott nannte man es damals – wurde für 170 000 DM zugeschlagen.

Bilder von Natalia Gontscharowa aus der Zeit, bevor sie an das Diaghilew-Ballett verlorenging und fast nur noch Dekorationen entwarf, sieht man auf Auktionen nicht häufig. Die Begegnung ist hochinteressant: Ihre „Weberin“ nimmt die Robustheit Fernand Légers in seiner „dynamischen Periode“ vorweg – Maschinen aus Muskeln und Menschen aus Stahl – und das Porträt ihres Mannes, des Malers und Zeichners Larionow, der den Rayonismus, die Strahlenmalerei, erfand, geht viel Berühmteren weit voraus. Beide verraten zugleich die Frauenhand, die für den Dekor geschaffen ist.