Für einen Teil der chemischen Industrie müssen, mit Wirkung vom 1. Juli dieses Jahres, neue Lohntarife ausgehandelt werden. Die gewerkschaftliche Forderung lautet auf 10 Prozent, aber Äußerungen aus dem Vorstand der IG Chemie deuten darauf hin, daß man sich mit höheren Löhnen allein nicht begnügen will. Arbeitszeitverkürzungen und Urlaubsgeld stehen offenbar auch noch auf dem Programm.

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft, Karl Küpper, hat dazu einige bemerkenswerte Erläuterungen gegeben. Danach lehnt die IG Chemie es ab, sich an volkswirtschaftlichen Wachstumsraten, Indizes und Gutachtergremien zu orientieren und hält daran fest, sich allein an das zu halten, was die Branche verkraften kann. Das ist nicht nur eine glatte Absage der drittgrößten Gewerkschaft im DGB an die von beiden Spitzenorganisationen, Parlament und Regierung angestrebte Versachlichung der Lohnverhandlungen, dieser Lohnegoismus ignoriert auch jede Interdependenz der Löhne.

Wollte man die Küppersche Maxime verallgemeinern, dann müßten Postarbeiter und Straßenbahnschaffner Lohnkürzungen in Kauf nehmen; denn „verkraften“ kann man in den Dienstleistungsbetrieben schon die bisherigen Löhne längst nicht mehr. Aber es kommt noch schlimmer: Würde man der chemischen Industrie nicht mehr abverlangen als das allgemeine Wachstum, so würde man ihr, laut IG Chemie, gestatten, noch stärker sich zu konzentrieren, noch stärker in die Gewinne, in die Investitionen, in die Kapitalexporte „zu flüchten“.

Man fragt sich bei der Lektüre solcher Äußerungen, was höhere Löhne eigentlich bezwecken sollen, wenn ihnen nicht ein Äquivalent an Gütern gegenübersteht. Außerdem scheint es, als habe man in der IG Chemie hinsichtlich der Kapitalausstattung, mit der die deutsche Industrie in den 1970 beginnenden freien Wettbewerb mit den ungleich kapitalkräftigeren Unternehmen anderer Länder geht, überhaupt keine realen Vorstellungen. en