Daß sich im Hamburger Stadtbild die bildende Kunst auffällig ins Spiel brächte, wird man nicht zu behaupten wagen. Noch immer wacht Lederers steinerner Bismarck einsam überm Hafen. Neuerdings steht ein kühnes Segelmotiv von Belling vor einer Bank in der City. Lardera findet man ganz weit draußen. In den neuen Wohnsiedlungen an der Peripherie gedeiht die Plastik im freien, Wenn man moderne Wandbilder sehen will, muß man in die neuen Schulen, Behörden und Krankenhäuser gehen (aber wer tut das schon freiwillig). Das neueste Wandmosaik befindet sich in der neuen Impfanstalt beim Berliner Tor. Es stammt von Hanns Hubertus von Merveldt, und es ist sehr viel heiterer und farbiger, als man es von ihm gewohnt ist. Die rollschuhlaufenden Mädchen (das Motiv wird den zaghaft eintretenden Impflingen die Angst benehmen) sind so klar komponiert, die bewegte und die ruhige Gruppe so sicher miteinander verbunden, das Spiel der Farben so überzeugend aus dem Material und der Technik entwickelt, daß man auch in der ungewohnt heiteren Szene einen echten Merveldt vor sich hat.

Unter den jüngsten Neuerwerbungen der Hamburger Kunsthalle hat der Ankauf des späten Claude Lorrain „Aeneas und Dido in Karthargo“ Aufsehen erregt. Der Preis von 800 000 Mark mag den Experten hoch oder niedrig oder dem Niveau des Kunstmarkts einigermaßen angemessen erscheinen – für Hamburg bedeutet er einen absoluten Rekord. Noch nie hat man hier für ein einziges Bild so viel Geld bezahlt. Der Preis überweist bei weitem den Jahresankaufsetat sämtlicher Hamburger Museen, der durch die „Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen“ zwar aufgebessert wird, aber erheblich hinter den finanziellen Möglichkeiten anderer Länder und anderer Städte – man denke an die sensationellen Anschaffungen von Stuttgart, an Düsseldorf, Köln, München, Berlin – zurückbleibt. Im Fall Lorrain gaben sich Senat und Bürgerschaft betont kunstfreundlich. Der Ankauf möge das Gerede vom musenfeindlichen Hamburg zum Verstummen bringen, meinte der Kultursenator Dr. Biermann-Ratjen, und er brachte in seinem Plädoyer für Lorrain auch jenes Argument zur Sprache, das in Hamburg gern gehört und verstanden wird: Bilder von dieser Spitzenqualität sind nicht bloß ein Gewinn an künstlerischem Prestige, sondern eine gute Kapitalanlage.

Im ganzen Haus gab es nur drei Gegenstimmen, darunter den SPD-Abgeordneten Ehrlich („Wir sollten lieber lebende Künstler unterstützen“ – warum aber die Alternative, warum nicht lieber Lorrain und die Lebenden?). Sein Fraktionskollege Senator a. D. Landahl war für den Ankauf: Hamburg muß auch kulturell den höchsten Rang erstreben, wir sind nicht reich an Werken älterer Meister, Auch nationale Gesichtspunkte wurden ins Spiel gebracht; das Werk des großen Franzosen müsse der deutschen Kunstwelt erhalten bleiben (es kommt notabene aus dem Londoner Kunsthandel).

Nein, vom Hafenjubiläum war nicht die Rede, obgleich die Flotte im Hintergrund, die Galeeren des Aeneas, die vor Carthago die Anker liebten, vielleicht doch den Ausschlag gegeben haben. Maritime Motive sind in Hamburg gern gesehen. Auch die Szene selbst, dieser maßvoll verhaltene Abschied zwischen Dido und Aeneas, ist Hamburger Stil, hanseatisch. Keine Gefühlsausbrüche, man arrangiert sich, geht auseinander. Dazu dieser ganz leise Dunst, ein hauchzarter Schleier von Resignation und einer nicht stürmisch, aber gemessen lockenden Ferne,

Kapitalsanlage, Prestige, Bürgerstolz, heimliche Sympathie, was immer: die Kunsthalle besitzt einen prachtvollen klassischen Lorrain, und gerade weil es das einzige französische Bild des 17. Jahrhunderts darstellt, kommt es hier zu stärkerer Wirkung als in anderen, mit Franzosen überfüllten Galerien,

Die Kunsthalle hatte nach 1945, unter Carl Georg Heise, vollauf damit zu tun, die Sammlung nachimpressionistischen Kunst neu aufzubauen. Seit 1955 hat Alfred Hentzen den neuen europäischen Tendenzen in der Malerei und Plastik den schuldigen Tribut entrichtet und, bei sich bietender Gelegenheit, einige überragende Werke der alten Kunst für Hamburg erworben, Honthorst, Canaletto, Fragonard und diesen Lorrain, g. s.